Bei den Recherchen für diese Ausstellung über 150 Jahre Industriegeschichte der Region war er immer wieder auch auf Fotos, Zeitungen und Bücher aus der Nazizeit gestoßen, in denen Sorben auftauchten.
Inzwischen ist Jacob der Frage nachgegangen, wie das Lausitzbild im Dritten Reich aussah und welche Rolle die slawische Minderheit dabei spielte. Das Ergebnis seiner Untersuchungen liefert genug Stoff für einen Vortrag, den er kürzlich in Cottbus hielt. „Die Bräuche und Trachten der Sorben und Wenden hatten im Lausitzbild der NS-Zeit einen festen Platz, doch ab 1937 wurde der ethnische Inhalt ausgeblendet“ , fasst Jacob seine Erkenntnisse zusammen. Die sorbische Lebenswirklichkeit sei immer stärker retuschiert worden. Aus jungen Sorbinnen wurden „Spreewaldmaiden“ .

Umbenennung sorbischer Orte
Schon nach wenigen Jahre sei die zunehmende Repression dann deutlich nachweisbar gewesen, so Jacob. Im Juli 1937 gab es eine zentrale Anweisung, sorbische Orts- und Flurbezeichnungen zu tilgen. Doch das wurde nur zum Teil umgesetzt. Ein möglicher Grund: der bevorstehende Krieg, in dem man keine Unstimmigkeiten mit vorhandenen Landkarten riskieren wollte.
In Heimatkalendern und anderen Veröffentlichungen wurde zwar nach 1937 weiter über sorbische Bräuche berichtet, doch unter neuem Etikett: Aus dem Hahnrupfen wurde ein „Reiterspiel“ .
Anfangs hatte die NS-Propaganda die sorbische Landbevölkerung in ihre „Blut-und-Boden“ -Ideologie eingefügt. Sie waren Teil der „Volksgemeinschaft“ . „Wendische Reste“ wurden als „reizvolles Seitenthema“ im Deutschen gesehen, zitiert Jacob aus damaligen Publikationen. Die slawische Herkunft wurde jedoch bald in Veröffentlichungen verleugnet und durch angebliche „nordische Wurzeln“ ersetzt. „Mit dem Festhalten der Sorben an ihrer slawischen Basis war der Konflikt mit der Rasse-Ideologie und dem deutsch-nationalen Getue der Nazis vorprogrammiert“ , versichert der Soziologe.
Nach Kriegsbeginn nahm der Druck auf die Sorben zu. Als Beleg dafür sieht Ulf Jacob einen Bericht des Reichssicherheitsdienstes zur politischen Lage im Spreewald an. Darin wurde offen gefordert, „das Sorbische nicht länger zu dulden“ . Trachten und Bräuche sollten zwar nicht sofort verboten, aber zum „Einschlafen“ gebracht werden. SS-Chef Heinrich Himmler bezeichnete zur selben Zeit in einer Denkschrift die Sorben sogar als potenzielle Kandidaten für eine Deportation in das „Generalgouvernement“ , den Nazibegriff für das besetzte Polen.
Dass sich die sorbische Führung zum Teil der NS-Sprache angepasst hat, sieht Ulf Jacob als Versuch, sich angesichts der drohenden Gefahr durch Tarnung zu schützen. Inwieweit dabei auch Anbiederung eine Rolle gespielt haben könnte, sei Spekulation.

Differenziertes Geschichtsbild
Die Arbeit von Jacob reiht sich ein in eine ganze Serie von Analysen zur Situation der Sorben während der Nazizeit. Eine differenzierte Sicht darauf habe es jedoch erst nach 1989 gegeben, sagt Edmund Pech, Historiker am Sorbischen Institut in Bautzen. In der DDR seien die Sorben durchgängig als Opfer dargestellt worden. Die Wirklichkeit sei jedoch komplizierter gewesen, so Pech, der sich mit dem Leben der sorbischen Lehrer in der Nazizeit befasst hat. 1937 seien in der Oberlausitz einige von ihnen in andere Gegenden versetzt worden. „Den anderen hat man nahegelegt, in die Partei einzutreten.“ Wegen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft sei auch einigen sorbischen Lehrern nach dem Krieg der Schuldienst verwehrt worden.
Bis zum Sommer 2007 wird unter dem Titel „. . . wendisch sprechende Deutsche“ ein Buch über das Sorbenbild im Dritten Reich erscheinen. Autor ist Frank Förster, Professor im Ruhestand und vorher am Sorbischen Institut beschäftigt. Ziel der Nazis sei es gewesen, „die Sorben in der deutschen Volksgemeinschaft verschwinden zu lassen“ , so Förster. Ihnen auch eine „rassische Minderwertigkeit nachzuweisen“ , dazu sei es durch den Krieg nicht mehr gekommen. Auf die Frage, ob die Forschung zur Situation der Sorben in der Nazizeit schon ausreiche, sagt er sofort: „Nein“ .
In der DDR habe man sich beispielsweise mit sorbischen Kommunisten und Sozialdemokraten im Widerstand gegen das Naziregime befasst. Wenig bekannt sei dagegen über die Rolle der sorbischen Kirche in dieser Zeit. Sowohl katholische Priester als auch evangelische Pfarrer hätten sich gegen die damaligen Machthaber gestellt. „Da gibt es noch Aufarbeitungsbedarf“ , ist der Professor überzeugt.