Jeden Vormittag gibt es im Lausitz-Center von Hoyerswerda, dem größten Einkaufszentrum der Stadt, das gleiche Ritual. Rentner strömen ins Lausitz-Center. Die vielen älteren Kunden mustern ausgiebig die Auslagen der Geschäfte. Nirgendwo scheint soviel Zeit vorhanden wie in Hoyerswerda. Zwischendurch folgt ein Schwatz mit Bekannten. In der Neustadt kennt man sich, obwohl so viele Plattenbauten gleich aussehen. Die Stadt nördlich von Dresden ist ein Synonym für das, was vielen Kommunen, vor allem im Osten, noch bevorsteht: Hoyerswerda blutet aus.Die Dichterin Brigitte Reimann (1933-1973) formulierte schon 1968 den Abgesang im Braunkohle-Eldorado der Lausitz. Da die Kohle zu Ende gehe, sei Hoyerswerda in 20 Jahren vielleicht eine "Geisterstadt wie die verlassenen Goldgräbersiedlungen". Ein Gang durch die Neustadt im Jahr 2009 kann die Vermutung nicht ganz entkräften. Der Wohnungsleerstand liegt jenseits der Zehn-Prozent-Marke, obwohl der Abrissbagger im Dauereinsatz ist. Im Vergleich zu DDR-Zeiten hat sich die Zahl der Einwohner de facto halbiert. Ende Januar gab es noch 38 413 Bewohner. Nur weil ein paar Orte eingemeindet wurden, liegt der Schwund noch unter 50 Prozent.Schrumpfung geht weiterEin Ende der Schrumpfung ist nicht abzusehen. Nach Prognosen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung wird die Stadt bis 2025 verglichen mit 2007 noch einmal fast 40,2 Prozent der Einwohner verlieren. Deren Zahl läge dann bei 24 100. Mit dieser Quote rangiert Hoyerswerda bundesweit ganz vorn - weit vor Frankfurt an der Oder und Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils etwa 28 Prozent. Aber auch beim Durchschnittsalter der Einwohner (aktuell 48,3 Jahre) und bei der Abwanderung junger Menschen ist Hoyerswerda Spitze. Selbst beim Anteil Hochbetagter - Frauen und Männer im Alter von 75 und älter - läuft sie demnächst Baden-Baden den Rang als Seniorenhochburg ab.Es gibt viele Klischees über Hoyerswerda, nicht alle stimmen. Einst war die Kleinstadt groß geplant - als Lebensraum für die Kumpel im Kombinat Schwarze Pumpe. So entstand die kinderreichste Kommune der DDR, in der Neustadt gab es eine Einwohnerdichte wie sonst nur in Tokio. 1981 war das Wachstum bei 71 054 Einwohnern am Ende angelangt. Nach der Wende fielen rund 18 000 Jobs in der Region weg. 1991 folgte ein weiterer Tiefpunkt: Bei ausländerfeindlichen Krawallen wurden 32 Menschen verletzt. Kameras aus aller Welt richteten sich auf die Provinzstadt, Hoyerswerda stand für Fremdenhass. Mit diesem Image muss Hoywoy - wie die Einheimischen sagen - leben.Sanierte Altstadt2009 präsentiert sich Hoyerswerda bunter. Die kleine Altstadt ist fast komplett saniert, die Neustadt befindet sich noch immer in einer Metamorphose. Viele "Platten" sind saniert und bringen mit kräftigem Ocker Farbe ins Leben der oft grauen Betonfassaden. Thema Nummer eins ist freilich der "Rückbau" - so heißt in Amtsstuben der Abriss von Wohnungen. Allein bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft betrifft das bisher 4567 von vormals 13 875 Wohnungen. Anfangs ging man nicht immer logisch vor. Der auch für Bauen zuständige Dezernent Dietmar Wolf versteht die Kritik. "Es war konzeptionslos." Zwei Wohnviertel - in Hoyerswerda heißen sie Wohnkomplex (WK) - verschwinden gänzlich.Wolf räumt ein, dass man erst ab 2003 zielgerichtet von "außen nach innen" Häuser abriss. Im WK X, das als letztes Wohngebiet etwas abseits entstand, sind auf der Käthe-Kollwitz-Straße die nächsten Fünfgeschosser für das Finale schon vorbereitet. In den Fassaden klaffen anstelle der Fenster Löcher, Haustüren und alle Öffnungen im Erdgeschoss sind mit Spanplatten versperrt. Die Natur erobert ein Stück zurück - wenngleich damals wie heute menschliche Interessen ausschlaggebend sind. Mitte der 1950er-Jahre begann die Verwandlung der bis dahin nur 7500 Einwohner zählenden Stadt Hoyerswerda in eine moderne Kommune. Das Gebiet der Neustadt war seinerzeit Wald und Wiese. Heute sind die Stadtväter bemüht, die beim Abriss freiwerdenden Flächen wieder zu begrünen oder anderweitig zu nutzen. So entstehen mitten in der Stadt ein Skulpturenpark und ein Sandstrand für Beachvolleyball. Irgendwie soll das auch im künftigen Leitbild der Stadt eine Rolle spielen. In welche Richtung es gehen soll, ist vielen Bürgern noch nicht klar."Wir waren schon alles: Einkaufsstadt, Sportstadt, Reimann-Stadt und in Erinnerung an Computer-Pionier Konrad Zuse auch Zuse-Stadt. Jetzt sind wir gerade das ,Herz des Lausitzer Seenlandes‘", witzelt der Journalist Mirko Kolodziej. Anderswo wird die Lage drastischer beschrieben. "Wir befinden uns nicht im Herzen, sondern eher am A. . . des Seenlandes und zwar genau dort, wo das Loch ist", lästert eine Einwohnerin über Versuche aus dem Rathaus, der dramatischen Entwicklung positive Schlagworte entgegenzusetzen. Denn ihre Rolle als Schlafstadt für die Kohle-Kumpel hat Hoywoy schon lange verloren. Dezernent Wolf rechnet vor, dass die Tagebaue nur noch etwa zehn Prozent der früheren Belegschaft beschäftigen. Eine Großansiedlung gab es seit der Wende nicht. Größter Arbeitgeber ist das Klinikum, dann folgt schon die Stadtverwaltung. Ende Januar lag die Arbeitslosenquote bei 20,7 Prozent. In den vergangenen Jahren war mitunter jeder vierte Erwerbsfähige ohne Job. Für viele junge Leute ist das der entscheidende Grund, Hoyerswerda den Rücken zu kehren. "Ich hatte die ständigen Absagen vom Arbeitsamt satt", erzählt der Hochbaufacharbeiter Steffen Engel.Nach Schwaben gezogenEr zog 2001 mit Freundin Janine ins schwäbische Gundelfingen. Beide sind nun verheiratet und erwarten ihr erstes Kind. Janines Familie lebt inzwischen fast komplett im Westen, die Verwandtschaft von Steffen blieb in der alten Heimat. "Wenn ich genug Geld hätte oder in Hoyerswerda das gleiche Geld verdienen könnte, würde ich auch wieder zurückgehen. Aber so sehe ich dort keine Hoffnung", sagt der 32-Jährige und ist hin- und hergerissen. Denn obwohl Hoyerswerda keine Schönheit im klassischen Sinne ist, äußern sich viele Einheimische und Ex-Hoyerswerdaer auch wohlwollend über die Stadt.Sylvia Härtel-Merten ging der Liebe wegen weg - sie folgte ihrem Mann an seinen Arbeitsort und hat nun in der Nähe von Regensburg eine neue Heimat gefunden. Sie habe keine Perspektive mehr in Hoyerswerda gesehen, sagt die junge Frau und blickt dennoch mit etwas Wehmut zurück. "Eigentlich hatte ich hier alles - die Familie, die Freunde, den Sport." Jetzt kommt sie nur noch gelegentlich her, ihre Eltern sind nachgezogen und kümmern sich ums Enkelkind. "Wenn man alle paar Jahre wieder hinfährt, treibt es einem die Tränen in die Augen", beschreibt Härtel-Merten ihre Eindrücke. Den Abriss der Häuser empfindet sie als Sterbehilfe.Dagegen schwimmt Apothekerin Inge Ilin mit ihrer Lebensgeschichte geradezu gegen den Strom. Sie kam 1994 von Augsburg nach Hoyerswerda und erlebt die Stadt zumindest für ihre Zunft als wahres Paradies - die vielen Kohle-Rentner garantieren ein krisensicheres Geschäft. Ilin entwirft ein differenziertes Bild von ihren Mitmenschen. "Viele haben resigniert und aufgegeben, die machen einfach zu." Auf der anderen Seite gebe es sehr viele nette und engagierte Menschen, die in Vereinen mitwirken und sich um andere kümmern. "Diese Stadt wird nicht zugrunde gehen. Allerdings müsse es auch einen Grund geben, hierzubleiben", sagt Ilin und verlangt mehr Jobs in der Region.Postsozialistischer MenschSeit einem Jahr wird die einstige sozialistische Musterstadt von einem Cambridge-Doktoranden unter die Lupe genommen. Der gebürtige Berliner Felix Ringel ist Anthropologe und erforscht das Leben der Anderen. Im schwarzen Mantel und manchmal auch mit einem "I-Love-Hoyerswerda"-T-Shirt ist Ringel täglich unterwegs, um die Entwicklung zu beobachten und in Tagebüchern festzuhalten. Zur Feldforschung quartiert er sich bei den Objekten seiner Begierde ein. Während Ringels Kommilitonen für ihre Arbeiten Indianerstämme im Amazonas-Gebiet oder Minderheiten in China untersuchen, geht es Ringel um den postsozialistischen Menschen in Hoyerswerda.Eine besondere Mentalität hat er nicht ausmachen können. "Die Leute erinnern sich gern an die Dynamik, die diese Stadt einst ausstrahlte." Es sei ja nicht so, dass alle mit trauriger Miene und Depressionen herumlaufen. "Aber jeden Tag bekommt man hier ein Tröpfchen Negatives aufs Gemüt - wenn das Haus abgerissen wird oder der Freund weggezogen ist." Soziale Schwierigkeiten"Hoyerswerda ist eine Stadt mit verschiedenen sozialen Schwierigkeiten", sagt Rathaussprecher Bernd Wiemer. Eine große Zahl der Jugendlichen, die bei Schule und Lehre gute Zeugnisse vorweisen könnten, würden weggehen. "Was im Umkehrschluss bedeutet, dass gerade auch Jugendliche mit Problemlagen, mit sozialen Defiziten und Bildungsschwächen, hierbleiben." Mit diversen Aktionen sollen mehr Junge gehalten werden, die Stadt knüpft Netzwerke und empfiehlt sich als Freizeitparadies. Das Lausitzer Seenland, bei dem mehrere Tagebau-Restlöcher gezielt geflutet und durch Kanäle verbunden werden - lockt mit herrlichen Radwegen und Wassersport.Menschen wie Kolodziej, die von Berufswegen den Puls der Zeit fühlen, bewerten die Zukunft von Hoyerswerda kritisch. "Hier bricht nicht nur die äußere Infrastruktur zusammen, sondern auch die soziale und zwischenmenschliche", glaubt der Journalist und verweist auf die wachsende Isolation in den besonders geschrumpften Wohngebieten. Man könne dieser Stadt beim Altern zuschauen. Über persönliche Konsequenzen hat der 35-Jährige auch schon nachgedacht. "Fluchtgedanken gibt es jeden Tag, sie werden immer stärker."