Geht es um Erziehung, sprudeln die klugen Sätze nur so aus Ursula von der Leyen heraus. Wie dieser hier: „Wenn man beliebig erzieht“ , meinte die Familienministerin, „ist dies die stärkste Form der Verachtung von Kindern.“ Die Folgen für den Nachwuchs beschrieb die CDU-Politikerin so: Shoppen, bis das Konto überzogen ist, vor dem Computer sitzen, „bis die Augen kariert sind“ . Dabei wollten Eltern doch größtenteils gute Eltern sein, nur bräuchten sie dafür auch Unterstützung, befand die Ministerin. Mit den beiden großen Kirchen in Deutschland startete von der Leyen deshalb gestern ein „Bündnis für Erziehung“ . Allerdings findet das nicht jeder gut.

Betonung christlicher Werte
Bündnisse und Allianzen gibt es genügend - für Arbeit, gegen Gewalt, für Familie, neuerdings sogar für gerechte Rente. Sie haben meist eines gemein: Zahlreiche Papiere und Aufrufe werden geschrieben, ansonsten passiert in der Praxis wenig. Beim „Bündnis für Erziehung“ soll das anders sein. Es will laut Ministerin die christlichen Werte bei der frühen Betreuung von Kindern wieder in den Mittelpunkt rücken, also die Einzigartigkeit des Menschen, Respekt, Verlässlichkeit, Mut, Gerechtigkeit oder Hilfsbereitschaft. Eltern suchten nach Orientierung in der Erziehung, und es herrsche Ungewissheit, was sie von ihren Kindern fordern und wie sich Werte heranbilden könnten, erläuterte von der Leyen. Das Bündnis werde dazu Bausteine und Handlungsempfehlungen liefern. Als konkrete Maßnahmen nannte sie die Weiterbildung von Erziehern, Elternbriefe oder Elternkurse in den Kindergärten.
Die beiden großen Kirchen stellen 72 Prozent der von freien Trägern unterhaltenen Kindertagesstätten in Westdeutschland. Aus „pragmatischen Gründen“ habe sie sich daher entschieden, das Projekt zunächst nur mit der katholischen und evangelischen Kirche zu starten. „Unsere gesamte Kultur gründet sich auf die christliche Kultur“ , erklärte sie zudem.

Konservatives Weltbild
Kritiker sind hingegen überaus skeptisch, vermuten sogar, dass hinter der Zusammenarbeit der CDU-Frau mit den Kirchen das konservative Weltbild der Union lauert; dass Ursula von der Leyen ein Versöhnungssignal an ihre Parteifreunde senden will, die so vehement mit ihr und ihren Plänen zum Elterngeld hadern. „Irritierend und diplomatisch ungeschickt“ , schimpft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sei das Vorgehen der Ministerin. „Deutschland ist kein Gottesstaat.“
Deshalb sei es falsch, Jugendliche, Eltern, Erzieher und Lehrer außen vor zu lassen. Auch die jüdischen und die muslimischen Gemeinden sind empört. „Mit Blick auf die Neutralität des Staates wäre es dringend geboten, auch die anderen Religionen einzuladen“ , mosert der Zentralrat der Muslime über die Ausgrenzung.
Von der Leyen sieht die ganze Angelegenheit entspannt. Auch das Grundgesetz baue schließlich auf den zehn Geboten des Christentums auf. Kardinal Georg Sterzinsky und Bischöfin Margot Käßmann kommentierten gestern, dass die christliche Lehre nun mal eine gute Grundlage für die Werte-Erziehung darstelle. Sie gäbe auch Antworten auf Vorkommnisse wie die eskalierende Gewalt an der Berliner Rütli-Schule, so Käßmann.
Die Ministerin will nun im Herbst mit Wohlfahrts- und Familienverbänden, der Wirtschaft und den anderen Religionsgemeinschaften das Bündnis weiter entwickeln: „Die Türen sind sehr weit offen", so von der Leyen, "aber ob noch jemand durchgehen wird?“