Glaubt man offiziellen Angaben, dann ist die Lausitz ein weißer Fleck auf der Landkarte der Rotlichtszene. Im Landkreis Spree-Neiße sind zwei Bordelle angemeldet, dazu kommt eines in Dahme-Spreewald.

Jenseits der Lausitz gibt es noch eines in Brandenburg an der Havel sowie in den Landkreisen Oberhavel und Teltow-Fläming. Darüber hinaus sind landesweit vier Etablissements als "Wohnungsbordelle" beziehungsweise bordellartige Betriebe angemeldet.

In Sachsen konzentriert sich das horizontale Gewerbe auf die großen Städte, in Gemeinden unter 50 000 Einwohnern ist Prostitution ohnehin verboten.

Doch auch jenseits der offiziellen Lesart scheint die Lausitz zu den Dürrezonen für bedürftige Freier zu gehören. Zwar gibt es in den einschlägigen Internetforen zahlreiche Inserate von Dominastudios, Erotik- oder Massagesalons und selbstständigen Escort-Damen, doch, so zumindest die "Erlebnisberichte" der Freier im Internet: Wer irgend kann, nutzt die Angebote in Berlin oder Dresden - wenn er nicht gleich über die Grenze nach Polen oder Tschechien fährt, dorthin, wo die Preise niedrig sind und die Not Frauen und Mädchen zu Zugeständnissen zwingt, die anderswo nicht mehr gemacht werden.

"Ohne Kondom geht bei uns gar nichts", sagt zum Beispiel Jaka Winter, die Chefin des Senftenberger Bordells. Seit rund 20 Jahren betreibt sie ihr Gewerbe, fast immer liefen die Geschäfte gut. "Früher standen die Kunden wirklich Schlange bei uns", erzählt die Endvierzigerin in gebrochenem Deutsch. Aus dem ehemaligen Jugoslawien war sie zunächst nach München gekommen, hatte dann für eine Bekannte in Senftenberg als Türdame ausgeholfen, später das Bordell ganz übernommen.

Ihr Mann ist gemeinsam mit ihr von München in die Lausitz gezogen, längst fühlt sich die Familie heimisch hier. "Die Leute wissen so ungefähr, was ich mache, aber sie sprechen mich nicht darauf an, sind nett und herzlich."

Die Fünfzimmerwohnung in der Senftenberger Bahnhofstraße ("diskreter Eingang", "nur zwei Minuten von Rewe und Aldi") hat Jaka Winter gemietet. Vier Schlafzimmer, ein Aufenthaltsraum, das Bad ein zügelloser Baumarkt-Traum. Gearbeitet wird hier von zehn Uhr bis Mitternacht, die Mädchen wechseln häufig. "Meist sind sie zwischen 20 und 30, manchmal aber auch älter", erzählt die Bordellbetreiberin. Wer bei ihr anschaffen will, braucht eine deutsche Meldeadresse, ein Gesundheitszeugnis wird gern gesehen.

"In der Regel bleiben die Frauen fünf Tage, dann ziehen sie weiter", erzählt Jaka Winter. Viele der Frauen kennt sie schon seit Jahren. Sie rufen an, fragen nach einem freien Zimmer, kommen zumeist aus Cottbus, Dresden oder der näheren Umgebung. "Sie arbeiten hier, schlafen bei sich zu Hause." Jaka Winter inseriert für ihre Damen in der örtlichen Presse, preist die Vorzüge ihrer "tabulosen Girls" mit blumigen Worten an. Trotzdem: Seit etwa sechs Monaten laufen die Geschäfte so schlecht, dass die Frauen nicht mehr auf ihre Kosten kommen, und Jaka Winter auch nicht. "Mit der Miete muss ich dann auch runtergehen." Sie selbst sagt, die Frauen zahlen bei ihr 80 bis 150 Euro pro Woche, in anderen Bordellen liegen die Preise um mindestens 100 Euro höher.

Warum die Kunden seit Monaten ausbleiben, kann sich Jaka Winter nicht erklären. "Vielleicht, weil wir die teuersten in der Gegend sind?" 50 Euro für eine halbe Stunde, nach oben gibt es keine Grenze. "Das ist hier in der Region ein ordentlicher Preis", sagt sie, doch andere Studios verlangen ähnlich viel.

Sarah Michel ist als Streetworkerin des katholischen Verbandes für Mädchen- und Frauensozialarbeit "In Via" in Brandenburg unterwegs, um Prostituierte rechtlich und medizinisch zu beraten, auf Wunsch hilft sie beim Ausstieg aus dem Milieu. Sie besucht die Frauen auf dem Straßenstrich, ist im polnischen Grenzbereich unterwegs, kennt all die kleinen und großen Bordelle im Land. "Wir spüren tatsächlich, dass immer mehr Bordelle schließen und stattdessen diskretere Wohnungen für die Prostitution genutzt werden", sagt sie. "Die Frauen können sich dort ihre Zeit besser einteilen, haben mehr Freiheiten."

Nachteil: In den Wohnungen sind die Frauen im Notfall allein und ungeschützt. Die Frauen inserieren nicht mehr in Tageszeitungen, sie weichen aufs Internet aus, geben dort oft nur eine Handynummer bekannt. Sarah Michel: "Das macht es auch für uns schwieriger, den Kontakt zu den Frauen zu finden und zu halten." Mit ihren Kolleginnen ist sie bemüht, Vertrauen aufzubauen. Eine Ärztin macht im Auftrag von In Via vor Ort Untersuchungen, testet auf HIV, Hepatitis, Syphilis. Kostenlos und anonym. Die Streetworkerinnen kennen die Frauen, die ihr Geld im Milieu verdienen. "Manche entscheiden sich frei für diese Art von Job, bei anderen ist es der Partner, der sehr hinter dieser Arbeit steht", sagt Sarah Michel. Zu erkennen, hinter welchen Türen sich Zwangsprostitution oder Menschenhandel verberge, sei dagegen schwer. Der Polizei sind derartige Fälle in den vergangenen Jahren nur selten bekannt geworden, auch von großen Veränderungen in der Rotlichtszene weiß man dort nichts. Torsten Wendt, Sprecher der Polizeidirektion Süd: "Bei uns ist die Situation seit Jahren stabil, im Milieu hat es keinerlei Probleme gegeben."

Für Jaka Winter ist das kein Trost. Wenn sich die Lage nicht bessert, wird sie wegziehen aus Senftenberg, nach Dresden oder Cottbus. "Aber ich würde gern bleiben."

Zum Thema:
In Brandenburg ist Prostitution kein anzeigepflichtiges Gewerbe und gilt nicht als strafbar. Selbstständige Prostituierte müssen im Gegensatz zu Bordellen kein Gewerbe anzeigen. In Sachsen ist Prostitution in Kommunen bis 50 000 Einwohner sowie innerhalb von Rotlicht-Sperrbezirken verboten.