Nur wenige Hundert Meter vom Gebäude der Biotechnologen auf dem Senftenberger Campus der Brandenburgischen Technischen Universität entfernt geht ein moderner Neubau seiner Vollendung entgegen. Das von Stadt, Landkreis und Uni durchgesetzte Innovationszentrum soll ein neues Kapitel in der Wissenschaftsgeschichte der Region aufschlagen. Forschungsergebnisse, die zum Teil in Patente mündeten, sollen zu Produkten werden. Professor Klaus-Peter Stahmann von der Fakultät für Naturwissenschaften würde lieber heute als morgen in die "Produktionsstätte" einziehen.

Doch bis zum Sommer muss sich der Experte für Mikrobiologie noch gedulden. Dann sollten unter anderem zwei Patente seiner Forscher-Gruppe praxiswirksam werden. Stahmann räumt ein, dass er fasziniert ist von Pilzen. Er sei zwar nicht "verheiratet" mit ihnen. Aber seine Wissenschaftler-Karriere haben sie seit Ende der 1980er-Jahre begleitet. Im Rahmen einer Diplom-Arbeit an der Universität Kaiserslautern isolierte er "Antibiotika aus einem Pilz". An der Universität Düsseldorf promovierte er zum Thema "Bildung und Abbau eines pilzlichen Polysaccharids". Seine Habilitation 1999 hatte auf einer "Untersuchung zum Stoffwechsel eines vitaminreichen Pilzes" gefußt.

Forschung in London

Dieses Thema hat Stahmann nie mehr losgelassen. Mit Erfahrungen aus der Biotechnologie-"Schmiede" Jülich in Nordrhein-Westfalen und einem Forschungsaufenthalt in London sandte er nach der Jahrtausendwende 15 Bewerbungen ab. Eine wesentliche Prämisse war für ihn: "Ich wollte immer praxisverbunden bleiben." Listenplätze habe es mehrere gegeben. Senftenberg gehörte dazu. Doch Stahmann wollte vor einer Zusage wissen, was die Hochschule mit der Biotechnologie vorhabe.

Als ihm Prof. Günter Schulz, damals Studiendekan für Biotechnologie, von einem Neubau berichtete und von zehn neuen Professuren, erklärte Stahmann fest entschlossen: "Dann komme ich." Das war 2002. Ein Schritt, den der heute 53-Jährige und seine Familie nie bereut haben. Beim Aufbau der Biotechnologie in Senftenberg konnte er selbst mitgestalten. Die Fortschritte unter dem "Mentor" Günter Schulz waren unübersehbar.

Bei Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen über die Region hinaus wurden die Biotechnologie-Absolventen aus Senftenberg begehrt. "Wer bei uns ausgebildet wurde, hat das Rüstzeug, wissenschaftlich zu arbeiten", sagt Stahmann selbstbewusst. Auch, weil unter anderem drei Absolventen inzwischen als Postdocs am Max-Planck-Institut in Dresden einen Job fanden.

Diese Erfolgsgeschichte hat für den Mitinitiator der Shiitake-Speisepilz-Produktion in Hoyerswerda vor allem einen Grund: "Unsere Absolventen sind so gut, weil wir so klein sind." Der Kontakt zum Lehrkörper sei beinahe familiär, die ständige Einbeziehung in Forschungen unerlässlich. Direkter könne die Umsetzung von theoretischem Wissen in die Praxis nicht funktionieren.

Einbezogen werden sie auch in ein neues Forschungsprojekt, das Prof. Stahmann nach Malaysia führt. Über drei Jahre soll ein mikrobielles Verfahren für die Umwandlung von Palmöl in Basis chemikalien erforscht werden. Der Bund hat 230 000 Euro zur Verfügung gestellt, um im Rahmen des Vorhabens "OIL-to-Acids - Mikrobielle Konversion von Palmöl" die Entwicklung von umweltverträglichen Verfahren zur nachhaltigen Wertschöpfung zu untersuchen.

Entspannung in der Natur

Klaus-Peter Stahmann wohnt mit seiner Familie seit Jahren in Annahütte. Hier findet er in der Natur Entspannung, wenn Brandenburgs Wappentier, der Rotmilan, über seinem Grundstück kreist. Mit Ehefrau Sandra, selbst Biologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Nabu-Stiftung Nationales Naturerbe, ist er viel in der Region und im Naturparadies Grünhaus unterwegs. Zurzeit allerdings sind die Gedanken oft beim bevorstehenden Einzug ins Innovationszentrum. Das ist für Stahmann der lange herbeigesehnte Schritt, mit dem Wissenschaft direkt in Senftenberg zur Herstellung von Produkten führt.

Dabei sind für ihn die kurzen Wege zur BTU ein enormer Vorteil. "Wir werden diese Kooperation dringend brauchen", sagt Stahmann. "Die jungen Leute sind unsere wichtigste Quelle, um schnell analysieren und Lösungen befördern zu können."

Hinzu kommt, dass Klaus-Peter Stahmann eine Erfahrung aus Jülich mitgebracht hat, die beherzigt werden muss: "Sich auf Patente zu verlassen und sich darauf auszuruhen, das ist kein langfristiges Geschäftsmodell. Wir müssen ständig nachlegen."

Bereits erschienene Porträts von BTU-Wissenschaftlern:

lr-online.de/btu

Zum Thema:
Die Industrielle Mikrobiologie gewinnt sowohl in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie als auch in der chemischen Industrie zunehmend an Bedeutung. Sie vereint das Fachwissen von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren über die Nutzung von Bakterien und Pilzen. Diese Mikroorganismen sind in der Lage, effizient nachwachsende Rohstoffe zu verwerten und in nachhaltige Produkte umzuwandeln. So konnten in der letzten Zeit mithilfe der Gentechnik mikrobielle Produktionsstämme gezielt entwickelt werden, die bestimmte Metabolite oder Pharmaproteine in großen Mengen produzieren. Als innovative Querschnittsdisziplin bietet die Industrielle Mikrobiologie also wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung konkurrenzfähiger Produkte auf der Basis umweltschonender Verfahren.