"Jetzt bin ich im Verein", sagt ein Delegierter und trägt die formale Umwandlung seiner Linkspartei, vormals PDS, vormals SED, mit Humor. Die 61 000 Mitglieder starke Ost-Partei wird nun ins Vereinsregister eingetragen, um mit der 12 000 Mitglieder kleinen West-Partei WASG im nächsten Jahr fusionieren zu können. Nichts, und erst recht kein juristischer Fehler, soll das Projekt der neuen Linken in Deutschland gefährden. Die anderen Parteien, allen voran die SPD, befürchten durch eine in Ost und West verankerte starke Linke zunehmend eigene Verluste, sodass jede Chance genutzt werden würde, um dieses Projekt scheitern zu lassen, heißt es.
Als müsse er Bedenken haben, dass die Delegierten später nicht mit klaren 84,7 Prozent für die Umwandlung in einen eingetragenen Verein stimmen würden, geht das ewige Zugpferd Gregor Gysi auf dem Bundesparteitag in Berlin wieder in die Bütt. Der Vorsitzende der von Linkspartei und WASG bereits gemeinsamen Bundestagsfraktion warnt vor zu viel Nabelschau der Partei und zu wenig Vorfreude auf eine seiner Meinung nach großen linken Zukunft in Deutschland. "Die werden uns noch kennenlernen - und auch ein bisschen fürchten", schmetterte er den 340 Delegierten wie einen Marschbefehl gegen eine Politik der sozialen Härte entgegen, die er vor allem bei der Regierung ausmacht.
Gysi spricht die aktuellen internen Streitpunkte an, um aber in erster Linie das große Ganze zu verfolgen: Die Ausein andersetzung über den Beschluss des rot-roten Berliner Senats, die Ladenschlusszeiten freizugeben. Sein Vorredner, Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, hatte - ohne die WASG-Spitzen Oskar Lafontaine und Klaus Ernst namentlich zu nennen - die scharfe Kritik an der in der Hauptstadt mitregierenden Linkspartei gerügt.
Gysi geht auch auf die Debatte ein, inwieweit sich der Begriff des demokratischen Sozialismus im Programm der neuen Partei wiederfinden wird. Seine Vorrednerin, Bundestagsfraktionsvize Petra Pau, sieht die Partei "der Seele beraubt", wenn sie den demokratischen Sozialismus zur Privatsache erkläre.
Linkspartei-Vize Katina Schubert mahnte, für viele Mitglieder stelle sich die Frage, ob sie in der neuen Partei eine Heimat hätten, wenn sich das Konzept nicht im Programm finde. "Die Stärke dieser Partei liegt auf absehbare Zeit im Osten, und die dürfen wir nicht kaputt machen", warnte sie. Auch Gysi macht die Sorgen in der Linkspartei zum Thema, Mitglieder müssten Einfluss und Ämter mit den Westlern der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit teilen und andere Ansichten respektieren.
Doch dann schlägt er den großen historischen Bogen vom Zusammenbruch der DDR zur bevorstehenden ersten "richtigen" Wiedervereinigung und Parteienfusion in der Bundesrepublik und lässt die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Partei sehr klein aussehen.
Erstmals könnten Menschen im Westen ein Vereinigungserlebnis haben und auch noch profitieren - so wäre etwa die WASG bei der Bundestagswahl 2005 ohne die im Osten so starke PDS nicht ins Parlament gekommen. Nach der Wende sei von der DDR "nichts außer dem blöden grünen Pfeil" an den Verkehrsampeln übrig geblieben. Nicht die Errungenschaften im Schulwesen, in Kliniken und der Kinderbetreuung.
Jetzt könne eine neue Linke es dem politischen Gegner ungemütlich machen - nicht mit Vereinsmeierei und nicht mit Kraftmeierei, sondern durch konsequentes Eintreten für soziale Rechte. Der erste Erfolg sei die Gründung einer linken Jugendorganisation. "16 Jahre haben wir das nicht gepackt. Was wollen wir denn mit uns alten Knackern, wenn wir nicht die nächste Generation erreichen?", fragt Gysi. Für viele in der Partei stellt sich allerdings die Frage, was die Partei einmal ohne ihn machen will.