Was da an Bordüren, Strümpfen und Pferdegeschirr in Arbeit ist, muss am Sonntag perfekt sitzen. Es sind die letzten Zubehörteile für den "Lebendigen Fürstenzug", der zu den Feierlichkeiten zum 800-jährigen Bestehen der Stadt Dresden erstmals aufmarschiert. Insgesamt 94 Personen - darunter 35 "Fürsten" - und etwa halb so viele Pferde spiegeln im Bild 34 des Festumzuges ein Stück sächsischer Geschichte wider.
Fast alle der 70 in Arbeitsgelegenheiten beschäftigten Frauen fahren am Sonntag mit in die Landeshauptstadt. "Wir müssen ja die Pferde ankleiden", sagt Katrin Müller. Für die gelernte Schneiderin ist es wichtig, dass alles perfekt aussieht. Deshalb näht sie emsig weiter an den Zügeln für "Nummer 26", die sich bei der Reit- und Kostümprobe als zu kurz erwiesen hatten. Die wenigsten ihrer Kolleginnen hatten vor dem Job im Netz-Werk mit Textilien zu tun. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Handarbeiten Geld verdiene", sagt eine Bürokauffrau, die froh ist, für ein halbes Jahr der Arbeitslosigkeit entkommen zu sein.
Der "Lebendige Fürstenzug" war 2003 eine Biertischidee von Machern des Mittelsächsischen Kultursommers (Miskus), die mit dem historischen Besiedelungszug anno 1156 und einem regionalen "Herrscherzug" schon Erfahrung hatten. Doch fanden sich schnell mehrere Partner zusammen und gründeten einen eigenen Verein mit dem Ziel, das berühmte Dresdner Wandbild mit den Abbildern der wettinischen Herrscher von 1127 bis 1904 lebendig werden zu lassen.
Für die Premiere gibt es wohl keinen besseren Anlass als das Dresdner Stadtjubiläum. Doch soll durch künftige Auftritte auf großen Festen auch das Geschichtsinteresse der Bevölkerung in Mittelsachsen angeregt und der Tourismus im Muldental aufgepeppt werden.
Zwei Jahre lang wurde intensiv an Kostümen, Choreografie und Reitkunst gearbeitet, immer mit dem Wunsch nach größtmöglicher Authentizität. Augenzeugen der ersten Präsentation in Dresden berichteten, Konrad der Große, Friedrich der Streitbare und die anderen hätten ausgesehen, als seien sie geradewegs von der Stallhof-Rückwand an der Augustusstraße herabgestiegen. Und das in Farbe.
Alles, vom edlen Mantel und markanten Hut bis zum Zaumzeug, ist sorgfältig genäht, gestickt und gesteppt. Die Frauen haben sich dafür alte Techniken angeeignet und nahmen vergrößerte Fotos des Wandbildes als Vorlagen. Dass Mittelalter-Kleidung weder rosa noch hellblau, sondern nur naturfarben aussehen darf, ist für Kostüm-Projektleiterin Angelika Trommer selbstverständlich. Sie schert sich nicht um Kritiker und Lästerer, sieht vielmehr, dass ihre Frauen an der Aufgabe gewachsen und kreativ gewesen sind. So funkelt auf wettinischem Wams anno 2006 Glas statt Edelsteinen und für den scheinbaren Hermelinbesatz der Fürstenroben ließen Kaninchen ihr Leben.
"Allein am Mantel von Heinrich dem Erlauchten haben zwei Frauen ein halbes Jahr gestickt", sagt Miskus-Geschäftsführerin Regina Herberger voller Hochachtung. "Das Kostüm hat auf Anhieb gepasst", versichert sein Träger Andreas Schramm. Als Landrat in Mittweida ist er gewissermaßen ein neuzeitlicher Regent in wettinischen Landen.
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