Plop - das erste Bier wird geöffnet. Der Herr irgendwo in der Mitte der mehrere Hundert Meter langen Schlange vor dem Görlitzer Barockhaus ahnt: Das hier kann noch eine Weile dauern. "Dass so viele kommen, hätte ich nicht gedacht", sagt der Fotograf, den die Berliner Casting-Agentur "Filmgesichter" für das Casting in der Neißestadt am Samstag verpflichtet hat. Nach 250 Bewerbern schmerzen die Arme. Der Fotograf braucht eine Pause, eine Zigarette. Sein Kollege ist noch drinnen, hält weiter drauf. 450 Bewerber warten noch. Ja, das kann dauern.

Plop - Bier Nummer zwei.

Mario ist 29, steht irgendwo in der Nähe des Biertrinkers. Die Komparsen, das hatte die Agentur zuvor mitgeteilt, dürften nicht größer als 1,90 Meter sein und müssen bereit sein, sich einen Haarschnitt im Stil der 40er-Jahre schneiden zu lassen. Mario hat lange Haare. Sehr lange Haare. "Die werden nicht abgeschnitten", sagt er. Hätte auch bei den letzten Malen geklappt. Der Görlitzer war schon in zwei Hollywood-Produktionen zu sehen, in "Der Vorleser" und in "Grand Budapest Hotel", beide gedreht in der Stadt an der polnischen Grenze. "Warten" - Marios Erinnerungen an die Dreharbeiten lassen sich in einem Wort zusammenfassen. Trotzdem gehe es ihm um den Spaß an der Sache. Und es sei schon ein Erlebnis, große Stars in der eigenen Stadt zu sehen - Kate Winslet, Ralph Fiennes. Mario kennt sie alle - zumindest hat er sie alle schon mal gesehen.

Tim ist heute aus Zwickau gekommen. "Zwei Stunden Fahrt, das geht", sagt er. Im Radio habe er gehört, dass der Film, für den hier gecastet wird, eine Fortsetzung der Superhelden-Saga "Captain America" sein wird. Die Casting-Agentur hat nur von einem historischen Film gesprochen, der zur Zeit des Zweiten Weltkrieges spielt. Tim ist Comic-Fan. Für einen anderen Film wäre er nicht extra nach Görlitz gekommen, aber für "Captain America" - unbedingt.

"Es geht um eine wahre Begebenheit. Und um Tod", weiß man einige Meter vor dem Eingang zum Barockhaus. Ganz am Ende der 600 Mann starken Bewerberschlange hat man von einem Weltkriegsdrama mit Daniel Brühl, Emma Thompson und Brendan Gleeson gelesen. Die Zeitung mit Deutschlands größten Buchstaben hatte darüber berichtet. "Alone in Berlin" heißt der Film, der auf Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" basiert. Tim wird enttäuscht sein - kein Superheldenfilm, sondern ein Liebesdrama aus der Feder eines Greifswalder Autors. Weder Fotograf noch Casting-Verantwortliche wollen allerdings verraten, um welchen Film es sich wirklich handelt. Vielleicht hat Tim ja doch Glück . . .?

Die 1,90 Meter überragt der Herr in Zimmermannshose und mit Piercings in Nase und Lippen deutlich. Seinen Namen will er nicht nennen, aber was ihn trotzdem in die Schlange der Wartenden verschlagen hat, erzählt er gerne. Er will bauen, sagt er. Und er wollte mal fragen, ob das Team noch Kulissenbauer braucht. Immerhin hat er Erfahrung. Auch für den Streifen "Grand Budapest Hotel" hat er in und um Görlitz gewerkelt. Noch lange bevor die Stars in die Neißestadt gekommen sind. Gesehen hat er keinen von den großen Mimen, die hier schon gedreht haben. Er wohnt nicht hier. Und er wird nicht ausharren, bis er bis zum Barockhaus vorgedrungen ist. Gegen zwei Uhr, eine Stunde vor Ende des Castings, geht der gepiercte Kulissenbauer wieder. Seinen Job übernehmen diesmal andere.

500 Frauen, Männer und Kinder hat die Agentur "Filmgesichter" für die neue Filmproduktion gesucht. 600 sind am Samstag nach Görlitz gekommen. Wie viele von ihnen später im fertigen Film zu sehen sein werden, ist noch völlig unklar. Die Agentur wird auch auf Komparsen aus anderen Filmen zurückgreifen und vielleicht nur eine Handvoll neuer Statisten in Görlitz finden.

Aber die Chance auf einen kurzen Moment des Ruhms haben die 600 Bewerber auf jeden Fall. Darauf Bier Nummer drei. Plop.