Wo Martin Luther mal war, da wollen die Leute heute noch hin. Das stellen Kirche und Tourismus-Wirtschaft gleichermaßen fest. Der Lutherweg, die Perlenschnur zwischen den Wirkungsstätten des Reformators, boomt allerdings derzeit noch größtenteils an Sachsen vorbei.

"Sachsen hat beim Lutherweg die Zeit verschlafen", klagt Manfred Böhme, Direktor des Landestourismusverbands. Sachsen Anhalt und Thüringen sind dem eigentlichen Mutterland der Reformation, Sachsen, zuvorgekommen. Dort funktioniert die Dachmarke Lutherweg längst als Orientierung für Urlauber aus aller Welt - während Sachsen die Route gerade erst etabliert.

Womit sich aber manche Kirchgemeinde schwer tut. "Wir stellen fest", sagt der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Matthias Oelke, "dass manche Orte, die etwas abseits liegen, unbedingt in den Lutherweg aufgenommen werden wollen". Andere Orte, die direkt am Weg liegen, zeigten indes ein "merkwürdig gebremstes Verlangen", das touristisch auszubauen. "Manche Gemeinden sind unsicher, was dann auf sie zukommt", so Oelke. Diesen Gemeinden will die Landeskirche gemeinsam mit dem Tourismusverband jetzt mehr Mut machen.

Denn wenn die Pilger und Lutherreisenden im Freistaat mehr Angebote vorfinden, haben am Ende beide Seiten etwas davon. Das ist das Ergebnis einer Fachtagung zum Thema Kirche und Tourismus, die in dieser Woche in Dresden der geheimnisvollen Anziehungskraft spiritueller Reiseziele nachging. Manfred Böhme, der nüchterne Touristiker, schätzt "die faszinierende Architektur oder Kunstschätze und die besondere, zeitlose Atmosphäre eines Gebäudes, an dem Generationen von Menschen ihren Glauben lebten". Um sowas zu erleben, klappern Menschen seit Jahrtausenden die berühmten Kultstätten der Welt ab. Lange bevor es Touristen gab, gab es Pilger.

Jetzt entdeckt die Tourismuswirtschaft den Pilger als Kunden. Und entdeckt uralte Pilgerpfade wie den Jakobsweg als Standortfaktor wieder. Laut einer Studie des Zukunftsinstituts hat sich die Zahl der Wanderer nach Santiago de Compostela in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht - von 70 000 Menschen auf 200 000. Das beflügelt auch im Freistaat die Hoffnungen. So arbeitet der Verein "Sächsischer Jakobsweg an der Frankenstraße" seit 2009 daran, den Weg der Jakobspilger durch Sachsen wiederzubeleben. Der führte einst entlang der Frankenstraße von Bautzen durch Freiberg, Chemnitz nach Hof.

Im Juni soll der Sächsische Jakobsweg in Freiberg offiziell eröffnet werden - durchgehend markiert und mit genügend Unterkünften bestückt. Aber mit Schildern und Betten allein ist noch keine touristische Destination etabliert. "Um eine solche Route touristisch zu vermarkten, muss man die örtlichen Unternehmen ansprechen", weiß Tourismuschef Böhme. "Die ganze Region muss dieses Thema leben. Wir können erst dann etwas vermarkten, wenn etwas da ist." Kurzum: Alle müssen daran glauben, dass Jakobsweg oder Lutherweg eine riesige Chance für den eigenen Ort bedeuten können.

Beispiel Torgau: Die Renaissance-Stadt an der Elbe hat aus Sicht Böhmes mit ihrer Verbindung zum Reformator und mit der Anbindung an den Elbradweg zwei große Pfunde an der Hand, mit denen sich wuchern lässt. "Hier geht es um einen bedeutenden Zustrom an Gästen, insbesondere aus dem Ausland." Denn ein Ort, wo Luther nachweislich gelebt, gepredigt, Bierchen getrunken oder Bratwurst gegessen hat, ist grundsätzlich interessant für Besucher aus den Ländern mit evangelischer Tradition.

"Es ist erwiesen, dass so ein Weg Menschenströme kanalisiert und die einzelnen Orte auch bekannter macht", sagt Kirchensprecher Oelke. "Es bringt aber auch indirekt Werbung für den Ort, wenn der Pilger es schön fand und später nochmal mit dem Auto wiederkommt."