Unseren ersten großen Krach hatten wir auf der Autobahn zwischen Cottbus und Vetschau. Es war am 9. März 2006, als auf dem Weg ins Büro kurz nach halb zehn mein Mobiltelefon klingelte. Ich weiß inzwischen, dass ich damals besser auf den Randstreifen zum Anhalten gefahren wäre. Es meldete sich Petrik Sander.

Krach auf der Autobahn
Normalerweise rufen wir Journalisten die Trainer an. Diesmal war es umgekehrt. Seine Laune„ Irgendwo zwischen Erdbeben und Vulkanausbruch. Dabei hatte Cottbus am Abend zuvor durch einen 1:0-Sieg bei Eintracht Braunschweig den Sprung auf einen Aufstiegsrang in die 1. Liga geschafft. „Energie stochert sich auf den dritten Platz“ , titelte die RUNDSCHAU über dem Spielbericht. Noch heute bin ich überzeugt davon, dass es eine schwache Partie von beiden Mannschaften und ein glücklicher Sieg für den FCE war. Immerhin erzielte Francis Kioyo das entscheidende Tor erst in der Nachspielzeit. Und dennoch: Der Trainer war erbost über die nach seiner Meinung zu negative Berichterstattung. Inzwischen weiß ich, dass es zu Sanders wichtigsten Arbeitsprinzipien gehört, dass er sich in der Öffentlichkeit schützend vor seine Mannschaft stellt, sie mit Händen und Füßen verteidigt. Und, dass Cottbuser Siege im Profifußball für ihn stets ein Feiertag bleiben werden - auch wenn sie noch so glücklich waren. Erstens, weil er die schwierigen Anfänge miterlebt hat. Und zweitens, weil er ganz genau die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande kennt.
Rückblende: Im November 2004 trat der damalige Assistenz-Coach die Nachfolge von Eduard Geyer an. Im ersten Jahr rettete er als Trainer-Lehrling den Verein vor dem Absturz in die Drittklassigkeit. Im zweiten Jahr schaffte er sensationell den Aufstieg in die Bundesliga. Im dritten Jahr gelang unter Sander schon vorzeitig der Klassenerhalt. Eine Erfolgs story mit bescheidenen Mitteln! Vor diesem Hintergrund fragte sich in den vergangenen Tagen ganz Deutschland: Warum droht einem solchen Trainer gleich bei den ersten sportlichen Problemen die Entlassung“ Immerhin machten sich selbst „Kaiser“ Franz Beckenbauer und der Stuttgarter Meistertrainer Armin Veh für Sander stark. Sie alle verkennen, dass die Saat für die am Samstag erfolgte Trennung bereits in diesen Erfolgsjahren gelegt wurde. Damals übertünchten die Erfolge noch die Probleme zwischen Sander und dem anderen starken Mann im Verein, Präsident Ulrich Lepsch. Dabei war der Crash vorprogrammiert. Denn sowohl Lepsch als auch Sander sind im Grunde ähnlich: starke Charaktere, die nicht gern Kompromisse machen. Wirklich zueinander gefunden haben sie nie. Das offene Vier-Augen- Gespräch am Freitag dürfte das einzige dieser Art zwischen ihnen gewesen sein. Es kam jedoch zu spät, um die verfahrene Situation retten zu können. Offen ausgebrochen ist der Konflikt spätestens in der Sommerpause, als der Coach mit seinem Wunsch nach einer sofortigen Vertragsverlängerung in die Öffentlichkeit ging und damit Lepsch & Co. unter Druck setzte.

Konsequente Linie
Es ist spekulativ, ob Sander seinen Job noch hätte, wenn er an der einen oder anderen Stelle eingelenkt hätte und über seinen Schatten gesprungen wäre. Durch seine unnachgiebige Haltung hat er bei der Vereinsführung viel Kredit verspielt, gleichzeitig aber eine enorme Popularität bei den Fans erlangt. Die Anhänger feierten ihn trotz der schlechten sportlichen Situation am Samstag überschwänglich. Sie verziehen ihm, dass es auch gegen Wolfsburg nicht zum ersten Saisonsieg reichte und forderten mit Sprechchören, Plakaten und sogar einem Sitzstreik eine weitere Chance für den Trainer. Doch die Vereinsführung zog unter Verweis auf die sportliche Situation ihre Linie konsequent durch - so wie es auch Sander gern tut.
An die neue Situation ohne ihn auf der Energie-Bank müssen auch wir Journalisten uns erst gewöhnen. Und auch mein Mobiltelefon wird zwischen Vetschau und Cottbus wohl vorläufig nicht mehr klingeln.