Für Silke Maier-Witt ist Prizren die vorläufig letzte Station eines gewundenen Lebenswegs. Seit sechs Jahren lebt die frühere RAF-Terroristin als Mitarbeiterin des Zivilen Friedensdiensts (ZFD) in der Stadt, die ihr inzwischen zur neuen Heimat geworden ist. In Deutschland, sagt sie, "sind Ex-Terroristen nicht willkommen". In Prizren spielt ihre Vergangenheit keine Rolle. "Ich habe viele Freunde hier, ich mag das Leben hier und ich würde gerne hier wohnen bleiben."
Maier-Witts Entsendung in das Kosovo machte 2000 viele Schlagzeilen: Eine Ex-Terroristin als Friedensarbeiterin! Für den vom Bundesministerium für Entwicklung unterstützten ZFD leistete Maier-Witt seitdem für mehr als 600 Menschen psychologische Betreuung. Die meisten von ihnen sind Frauen, schwer belastet von Erinnerungen an den Krieg von 1999.
"Ich wollte mir selbst etwas beweisen, wollte sehen, ob ich zu etwas Neuem imstande bin, ob ich Menschen helfen kann, die es nötig haben", berichtet die 56-Jährige. In Deutschland habe sie sich nach ihrer Entlassung aus der Haft ausgeschlossen gefühlt. Auch nach ihrer therapeutischen Ausbildung fand sie keinen Arbeitsplatz.
"Ich wurde behandelt wie ein Monster", erinnert sich Maier-Witt. Dabei habe sie niemanden umgebracht. 1979 stieg sie aus der RAF aus, nachdem bei einem Banküberfall in Zürich eine unbeteiligte Frau getötet worden war. Sie emigrierte in die DDR. Nach dem Fall der Mauer wurde sie verhaftet und 1990 verurteilt, weil sie die Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer 1977 als Späherin mit vorbereitet hatte. Schleyer wurde in der Geiselhaft von RAF-Terroristen umgebracht. 1995 wurde Maier-Witt aus der Haft entlassen.
Für die ehemalige RAF-Kämpferin ist die Friedensarbeit auf dem Balkan eine Art von Resozialisierung. "Ich hatte das Gefühl, dass man mich dort brauchen könnte", erzählt sie. "Der Friedensdienst wusste von meiner Vergangenheit und trotzdem haben sie mich engagiert." Vom Sinn ihrer Arbeit im Kosovo ist sie überzeugt. "Wenn man die Lebensbedingungen der Leute sieht, ist es unmöglich, nicht zu helfen."
Ihre Vergangenheit bei der RAF betrachtet sie inzwischen mit großer Distanz: "Wir hatten die Illusion, die Wirklichkeit zu ändern. Das war ein Fehler." Wenn ihr Arbeitsvertrag für den ZFD ausläuft, will sie sich in Prizren eine neue Stelle suchen. Maier-Witt will in der Stadt bleiben. Inzwischen spricht sie fließend albanisch.