Bernd Puhlmann, 51, sitzt im Werbener Pfarrhaus und vertieft sich in die Anbaumethoden für Süßmais. Ist der Theologe unter die Landwirte gegangen„ „Nein, nein“ , wehrt er ab, „das mit dem Mais ist mir irgendwie vor die Füße gefallen.“ Er habe nach einem Projekt gesucht, das er zusammen mit seiner Konfirmandengruppe gestalten könne. Über das Umweltbüro der Kirche sei er auf die Möglichkeit gestoßen, genfreien Süßmais anzubauen. „So können die Jugendlichen vom Saatkorn bis zur späteren Mahlzeit verfolgen, was mit ihrer Nahrung passiert. Süßmais ist eine Hackfrucht, muss also umsorgt werden, damit aus ihr was wird. Ist doch eine schöne Lehre.“ Kollegen aus Burg haben sich dem Projekt bereits angeschlossen, der Werbener Kindergarten macht mit und auch im Religionsunterricht der Schule wird künftig der goldgelbe Mais angebaut. „Im Herbst, zum Spreewald-Kirchentag können wir damit unsere Gäste verköstigen.“ Ein Ökobauer hilft, auch am Radweg zwischen Burg und Werben ein paar Stauden zu ziehen, „für Radler, zum Kosten“ . Den Anbau von Genmais wird Puhlmann mit seiner Aktion nicht verhindern können, „die Bauern stehen unter so großem Kostendruck, die können oft nicht anders“ .
Seit 1993 ist Puhlmann Pfarrer seiner ländlichen Gemeinde, er weiß, was die Menschen um ihn herum bewegt. In einem eher kirchenfernen Elternhaus aufgewachsen, traf er während der Schlosserlehre junge Christen. „Fast schon fundamentalistisch in ihrem Glauben, aber sie hatten etwas, das ich nicht hatte - eine Überzeugung.“ Der junge Schlosser fand zum Glauben, zu einer „Überzeugung“ - und musste teuer dafür bezahlen. Er verweigerte den Militärdienst, wollte auch kein Bausoldat sein. „Ob mit Schaufel oder Gewehr - Uniform bleibt Uniform.“
18 Monate saß er im Gefängnis, seine Glaube half ihm, in einem menschenverachtenden Umfeld zu bestehen. Danach wollte er sich beruflich neu orientieren, studieren. „Die Uni nahm aber keine Vorbestraften an.“ Am Berliner Predigerseminar absolvierte er dann ein Theologiestudium.
Und jetzt eben Werben. Mit den ersten Glaubenserfahrungen der Kinder. Mit Jugendlichen, die auf der Suche sind nach Identität. „Die wollen wissen, wo sie hingehören, wer ihnen Halt gibt. Familie“ Schule„ Das Dorf“ Sie suchen jemanden, an dem sie sich reiben können. Jemanden, der zumindest versucht, sie zu überzeugen, ihnen einen Weg anzubieten.“
Bernd Puhlmann liebt seinen Beruf, das merkt man ihm an. „Natürlich würde ich wieder Pfarrer werden“ , sagt er, „nur manchmal bin ich im Zweifel, ob der Umgang mit meiner Zeit nicht ein anderer sein könnte.“ Effektiver, meint er, noch dichter dran an den Menschen. Ein Beispiel fällt ihm ein von einem Mann, einem schwer Krebskranken. „Er lag im Sterben. Ich war Dienstag bei ihm und am Mittwoch. Am Donnerstag konnte ich nicht und da ist er dann gestorben. Welcher Termin ist so wichtig, dass er mich davon abhält, einen Sterbenden auf seinem letzten Weg zu begleiten?“ Puhlmann nimmt diese letzten Stunden eines Menschen wichtig. Hofft für jeden, sie mögen schmerzfrei sein und nicht einsam. Neben der Sterbebegleitung engagiert er sich in der Notfallseelsorge. Kann wirklich trösten, manchmal. „Ein Lokführer, der einen Selbstmörder überfahren hat, kann zerbrechen unter der Last der vermeintlichen Schuld. Dem kann man helfen, wenn man ihm sagt, dass er nicht Täter, sondern Opfer ist - Opfer des Lebensmüden, der ihn als Werkzeug missbraucht hat.“
Vor jedem dieser Einsätze betet Puhlmann. Um Stärke, um die richtigen Worte, die richtigen Gesten. „Oft kann ich nicht mehr tun, als die Würde eines toten Leibes zu wahren. Wenn eine Selbstmörderin aus dem Fenster springt, dann muss die Polizei die Leichenschau nicht vor den Augen der versammelten Nachbarschaft vornehmen. Da kann man ein Tuch spannen. Die Tote schützen und auch ihre Angehörigen.“
Vor dem Fenster des Pfarrhauses zwitschern die Vögel in der ersten Frühlingssonne. Bernd Puhlmann weiß genau, wo sie ihre Nester haben.