Wie ein Raubvogel blickt der steinerne Erzengel Michael, Schutzpatron der Deutschen, den Besuchern des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig entgegen. Über der Statue erhebt sich das massige Denkmal. 1913 fertiggestellt, sollte es an den vermeintlichen Aufstand des deutschen Volkes gegen Napoleons Vorherrschaft und an den Sieg in der Völkerschlacht 1813 erinnern. „Dabei“, sagt Steffen Poser, Leiter des Völkerschlachtdenkmals, „war die Völkerschlacht nichts weniger als ein deutscher Volksaufstand. Mit viel gutem Willen könnte man von einem preußischen Volksaufstand sprechen.“

Jede Zeit und jedes politische System hat sich das blutige Ereignis vor den Toren Leipzigs zurechtgedeutet. Jetzt steht der 200. Jahrestag der Völkerschlacht an - und lässt die Frage nach der Einordnung der gewaltigen Schlacht neu aufkommen. Zum Jahrestag sind in der Stadt zahlreiche Veranstaltungen geplant, die Gedenkwoche beginnt am 16. Oktober und endet am 20. Oktober mit einer großen historischen Nachstellung des Gemetzels.

„Wir sprechen nicht von einem Jubiläum, sondern von einem Erinnern und Gedenken an die Völkerschlacht. Wir wollen darstellen, dass es sich um ein sehr ernstes Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte handelt“, sagt Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig und Organisator der Feierlichkeiten.

Vom 16. bis 19. Oktober 1813 kämpften die verbündeten Truppen Preußens, Russlands, Schwedens und Österreichs gegen die Armeen Napoleons. 500 000 Soldaten standen auf den Schlachtfeldern. Die Verluste waren gewaltig: Mehr als 90 000 Mann kamen ums Leben. Am Ende müssen die Franzosen geschlagen abziehen. Die Völkerschlacht reiht sich damit in eine Kette von Niederlagen Napoleons - vom verheerenden Russlandfeldzug 1812 bis zur letzten Schlacht in Waterloo (Belgien) 1815.

Schon während der Völkerschlacht meldeten sich patriotische Stimmen zu Wort, die das Geschehen als nationale Emanzipation der Völker deuteten, sagt der Leipziger Historiker Frank Britsche. Das allerdings sei nicht das Ziel der beteiligten Herrscher gewesen. „In der Völkerschlacht war das Kriegsziel, die legitime Ordnung Europas herzustellen. Sie war im Grunde genommen ein Kabinetts- und Koalitionskrieg der verbündeten Fürsten, die ihre Macht restaurieren wollten, und weniger ein Kampf der eigentlichen Völker Europas.“

„Nachträglich hat man die Völkerschlacht zum deutschen Gründungsmythos stilisiert“, sagt Britsche. „Das ist aber eine genuin deutsche Perspektive. In der französischen Perspektive war es ein bloßer Rückzug aus Leipzig. Leipzig war eine Episode. In der deutschen Erinnerungskultur wurde die Völkerschlacht zu einem Gründungsmythos verklärt, zu einer beginnenden Nationalbewegung, zu einem nationalen Heldenmythos.“

Die deutsch-nationalen Töne werden in der Mitte des 19. Jahrhunderts lauter. Am mächtigen, auch etwas düsteren Völkerschlachtdenkmal lässt sich gut nachvollziehen, wie man 100 Jahre später der Völkerschlacht gedachte: „Man wollte den einigenden Kitt der Befreiungskriege ausgießen“, sagte Leiter Poser. Das Denkmal sollte explizit auch nur an die deutschen Gefallenen der Schlacht erinnern.

Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht betonen die Organisatoren der Gedenkfeiern dagegen die europäische Dimension der Schlacht und setzen auf Versöhnung. „Hier geht es nicht um Revanchismus, hier geht es nicht um die Nationenwerdung der Deutschen, nicht um die Abstreifung der Repression unter Napoleon“, sagt Koordinator Rodekamp. „Hier geht es um Aufklärungsarbeit, hier geht es um ein neues Verständnis für Vergangenheit. Wir müssen eine Brücke bauen, aus dem Wissen der Vergangenheit heraus, in eine bessere, zumindest friedvolle und nicht mehr kriegerische Zukunft der Menschen in Europa.“