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Vom Löwenfell bis zum Schlangenwein

Christian Böhm, Leiter des Zolls an den Berliner Flughäfen, zeigt, was seine Kollegen so alles aus dem Verkehr ziehen.
Christian Böhm, Leiter des Zolls an den Berliner Flughäfen, zeigt, was seine Kollegen so alles aus dem Verkehr ziehen. FOTO: Bodo Baumert
Berlin. Mit einem großen Fund illegalen Elfenbeins hat der Zoll am Flughafen Schönefeld vor einigen Wochen für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch die Beamten finden noch ganz andere Sachen. Ein Blick ins Lager der Geschmacklosigkeiten. Bodo Baumert

"Verstöße gegen den Artenschutz sind kein Kavaliersdelikt", sagt Christian Böhm und blickt über die Sammlung, die sich auf seinem Tisch ausbreitet. Ein Löwenfell, ein Nashorn-Horn, Dutzende von Schlangenledertaschen, Korallen, Tigerpflaster, ein Schildkrötenpanzer und vieles mehr. Alles, was der Zoll an den Flughäfen in Tegel und Schönefeld findet, wandert in das Lager in Tegel. Böhm, Leiter der Zollbehörde, muss sich dann damit herumschlagen.

"Das kann schon manchmal eklig sein", sagt der Zollbeamte, der in 30 Jahren schon vieles gesehen hat, was ihm gerne erspart geblieben wäre. Beispielsweise, wenn sich eine Schlange aus dem geöffneten Koffer in die Höhe erhebt. "Da bekommt man erst mal einen Schreck und schlägt den Deckel wieder zu", berichtet Böhm trocken. "Dann ruft man einen Experten an. Der kommt, öffnet den Koffer und schlägt ihn da auch gleich wieder zu."

Was sich bei Böhm so launig anhört, hat einen ernsten Hintergrund. Denn der Zoll muss sich um die Tiere kümmern, die er findet. Und das ist nicht immer einfach. Zoologische Einrichtungen haben keine Verpflichtung die Tiere zu übernehmen. Böhm und seine Kollegen müssen oft lange telefonieren, bis sie einen Abnehmer finden.

Acht Jagdfalken im Koffer

So wie am Weihnachtstag vor einigen Jahren. Da entdeckten die Zollbeamten ihren bisher ungewöhnlichsten Artenschutzfall: Acht Jagdfalken, mit Medikamenten ruhiggestellt, eingewickelt in Drahtrollen, zusammengepfercht in einem Koffer. Die Lieferung sollte von Ulan Bator in der Mongolei nach Dubai gehen. Weil sie aber falsch verladen wurde, landete sie in Berlin. Und weil die Händler offenbar nicht mit einer solchen Verzögerung gerechnet hatten, ließ die Betäubung der Tiere nach und sie machten auf sich aufmerksam. Der Zoll öffnete den Koffer. Dann begann die hektische Suche nach einem Abnehmer. "Finden Sie da mal einen am 24. Dezember", sagt Böhm. Der Zufall half. Ein Veterinär ging trotz Festtag ans Telefon - und stellte sich dann auch noch als Falkner heraus.

Ein Jahr später gab es ironischerweise fast den gleichen Fall. Wieder Falken, wieder im Koffer, wieder Berlin, diesmal allerdings am 23. Dezember. Ob das Zufall war oder ein Mitarbeiter an einem anderen Ort sich Ärger und Papierkram ersparen wollte und den Koffer lieber in den nächsten Flieger gesteckt hat, ist bis heute ungeklärt. Für die Falken immerhin gab es ein Happy End. Sie konnten nach anderthalb Jahren in Berlin zurück in ihre mongolische Heimat.

Solche Fälle bleiben zum Glück Ausnahmen, auch weil es von Berlin bisher nicht so viele Direktflüge in ferne Regionen wie Afrika oder Ostasien gibt. Dennoch hat Böhm regelmäßig mit Artenschutzproblemen zu tun. In 30 Jahren beim Zoll ist er so zum Experten geworden, schreibt selber Gutachten zu Fundstücken, nicht nur aus Berlin. Bei Schlangen- oder Reptilienleder kennt er sich besonders aus.

"Ach, das ist echt?"

Für Touristen ist das oft nicht so leicht. Immer wieder hört Böhm von Reisenden den Satz: "Das kann nicht echt sein. Das hab ich doch für ein paar Euro gekauft." Böhms Konter: "40 Euro für eine Tasche können für den Hersteller in einem anderen Land viel Geld sein." Und wenn es für den Hersteller billiger ist, Tiere im Dschungel zu erlegen, statt Leder für seine Handtaschen einzukaufen, wird er das im Zweifel tun.

Bei der Kontrolle am Flughafen macht das ohnehin keinen Unterschied. Unwissen schützt vor Strafe nicht. Und die bemisst sich im Zweifel nicht an Kaufwert oder Größe eines Objektes sondern am Schutzstatus des Tieres. Und dann kann es teuer werden. "Das reicht bis zu Strafverfahren", sagt Böhm, wobei er zugleich kritisiert, dass andere Länder strenger bei Verstößen gegen den Artenschutz sind.

Schutz vor Ebola

Andere Länder, andere Sitten. Das gilt auch bei Lebensmitteln. Busch-Fleisch beispielsweise ist in Afrika eine Delikatesse. Wenn das Fleisch gegart, gerillt oder geräuchert in Berlin per Paket eintrifft, muss der Zoll das untersuchen. Denn oft wird darin auch Affenfleisch verarbeitet. Und die stehen unter Artenschutz. "Wenn Sie da so einen Hand oder einen Schädel in dem Paket finden, das ist eklig", sagt Böhm. Wichtig ist die Untersuchung dennoch. Denn auch Krankheiten wie Ebola könnten sich über so eine Lieferung verbreiten

Häufig haben es die Zollbeamten in Tegel oder Schönefeld mit mehr oder minder exotischen Heilmitteln zu tun. "Es gibt in Berlin eine große Gruppe asiatischer Mitbürger", sagt Böhm. Daher seien fernöstliche Arzneimittel auch immer ein Thema. Böhm zeigt auf ein paar Tigerpflaster. Die sollen unter anderem gegen Rheuma helfen. Wenn sie nicht gefälscht sind, befinden sich zwischen allerlei anderen Zutaten darin auch zerriebene Tigerknochen. Weil die Großkatzen aber auf der Liste bedrohter Tierarten stehen, sind auch solche Pflaster in Deutschland verboten.

Auch Seepferdchen werden für die alternative Medizin verarbeitet. "Das ist nicht alles Quatsch", sagt Böhm. Aber ob jede Zutat wirklich nötig ist, wenn dafür Tiere sterben oder leiden müssen? Böhm hält ein Röhrchen mit Bärengalle hoch. "Dafür werden die Tiere in Bärenfarmen gehalten und per Dauerkanüle regelrecht abgezapft", sagt er kopfschüttelnd. Viele Tiere überleben diese Tortur nicht lange.

Nashorn für die Manneskraft?

Vieles ist auch totaler Unfug. Wie etwa das Nashorn-Horn, das angeblich zu mehr Manneskraft verhelfen soll. Ein reiner Placebo-Effekt. "Das Horn besteht aus Tierhaar. Haare kann der menschliche Körper gar nicht verarbeiten", so Böhm. Weil aber gerade in Asien Männer noch immer lieber an überlieferte Rezepte glauben statt an kleine blaue Pillen, werden weiter Jahr für Jahr Tausende Nashörner illegal geschossen.

Ähnlich ergeht es den Elefanten, die auch nur wegen ihres Elfenbeins abgeschlachtet werden. Der Handel mit Elfenbein ist illegal, findet dennoch weltweit statt. Am 20. Mai fand der Zoll am Flughafen Schönefeld 625 Kilogramm Elfenbein in elf Kisten. Der bisher größte Fund der Beamten an den Berliner Flughäfen. "Das war schon etwas außergewöhnliches", sagt Böhm. Die Recherchen der Polizei und des Zolls führten zu einer Werkstatt im Hunsrück und zu weiteren Verhaftungen.

In der Regel sind es aber kleinere Fälle, mit denen sich der Zoll rumschlagen muss. Korallen etwa, auch Teilstücke davon sind kein Souvenir. Wer bringt sich so was mit? "Das ist die ganze Bandbreite der Bevölkerung, vom Arbeiter bis zum Professor", sagt Böhm. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Verfahren leicht zurückgegangen. "Wir hatten schon gehofft, das liegt an unserer Aufklärungsarbeit." Aber derzeit steigen die Funde durch den Zoll wieder an.

"Wenn die Leute mehr Geld im Beutel haben, bringen sie auch wieder mehr mit", fasst Böhm resignierend zusammen.