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Vom "Klebe-Effekt" der Mediziner-Ausbildung

Assistenzarzt Bert Riedel in der Notaufnahme des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK).
Assistenzarzt Bert Riedel in der Notaufnahme des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK). FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Seit zweieinhalb Jahren engagiert sich ein Medizin-Institut in Cottbus dafür, den drohenden Ärztemangel abzumildern. Es nimmt Mediziner auf dem Weg zum Facharzt an die Hand, bietet perfekte, kostenlose Organisation. Doch die Anschubfinanzierung von Vattenfall geht zu Ende. Christian Taubert

Der Mediziner Bert Riedel ist sich sicher: "Ohne das Angebot aus Cottbus wäre ich wohl nie in die Lausitz zurückgekommen. Ich hätte meinen Facharzt in Berlin gemacht und wäre dort geblieben." Was der gebürtige Vetschauer damit sagen will, schildert er anhand seines Weges nach dem Staatsexamen an der Freien Universität Berlin.

Nach dem Abschluss vor knapp drei Jahren war er in der Charité in der inneren Medizin eingestellt worden. In diesem Bereich hatte der 31-Jährige auch seine Facharztweiterbildung begonnen. "Ich bin zufrieden gewesen", schildert Bert Riedel seinen Einstieg ins Berufsleben. "Dennoch war für mich schon immer das Konzept des Facharztes für Allgemeinmedizin die bessere Voraussetzung, um sich später einmal mit einer Praxis niederzulassen."

Der Kontakt zu seiner Familie in Vetschau hat ihn schließlich auf einen RUNDSCHAU-Artikel über die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in der Lausitz aufmerksam gemacht. "Ich habe mich erkundigt und war begeistert, was mir angeboten wurde." Am vor zweieinhalb Jahren gegründeten Institut für interdisziplinäre Medizinerweiter- und -fortbildung und klinische Versorgungsforschung gGmbH (IfMW) wurde dem jungen Mediziner dargelegt, wie er innerhalb von fünf Jahren zum Facharzt für Allgemeinmedizin ausgebildet wird. "Das hat mich überzeugt", erklärt Riedel, der zurzeit in der Notaufnahme des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums arbeitet - einer Station seiner Facharztausbildung.

Am IfMW hat sich in dessen drittem Jahr die Anzahl der Ärzte in Weiterbildung - 21 Allgemeinmediziner und 14 andere Fachrichtungen -, die in der Region ansässig sind, auf 35 erhöht. Gegenüber 2012 ist das eine Verdopplung. Hinzu kommen sieben überregional Interessierte, neun Studenten und acht Fachärzte, die die angebotenen Seminare für ihre Fortbildung nutzen.

Eine Bilanz, die allein mit finanzieller Unterstützung des Energiekonzerns Vattenfall und der fünf am Netzwerk beteiligten Kliniken - CTK Cottbus, Krankenhaus Spremberg, Elbe-Elster-Klinikum, Klinikum Niederlausitz, Lausitz-Klinik Forst - erreicht wurde. Weder die Landesärztekammer (LäK) noch die Kassenärztliche Vereinigung (KVBB) noch das Potsdamer Gesundheitsministerium unterstützen die in der Lausitz aufgebaute Struktur, um Mediziner nach ihrem Studium hierher zu holen. Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) lässt auf RUNDSCHAU-Anfrage mitteilen, dass die ärztliche Fort- und Weiterbildung im selbstverwalteten Gesundheitswesen Aufgabe der Ärzteschaft selbst sei. Das Ministerium unterstütze auch das IfMW, aber es seien "hierfür keine finanziellen Mittel eingestellt".

LäK und KVBB verweisen darauf, dass sie das Institut nicht fördern könnten, da es keine Körperschaft des öffentlichen Rechts sei. Das Institut wurde durch die Stadt Cottbus und die BTU als regionale Eigenintiative gegen den Ärztemangel als gGmbH selbst gegründet.

Für die Geschäftsführerin des IfMW Anja Kiene gibt es hier einen Widerspruch zu anderen Ländern wie Hessen, Thüringen oder Baden-Württemberg, wo die Länder in Strukturen zum Verbleib und zum Anlocken von Medizinern investieren. "Dort wird unser Ziel, ärztlichen Nachwuchs früh und dauerhaft an die Region zu binden, finanziell unterstützt", hat sie von einer jüngsten Bundesversammlung der Kassenärztlichen Vereinigungen mitgenommen. Dort seien solche Initiativen gegen den drohenden Ärztemangel ausdrücklich hervorgehoben worden.

Die Attraktivität der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin am Cottbuser Institut besteht darin, dass Anja Kiene den Medizinern ein passgenaues Korsett "schneidert". Das ist mit fünf kommunal getragenen Krankenhäusern der Region ebenso abgestimmt wie mit ambulanten Praxen. Damit ist die Ablauforganisation in innerer Medizin, Chirurgie, in einem Wahlfach sowie in einer Arztpraxis ebenso gesichert wie die theoretische Weiterbildung in Seminaren durch Fachexperten. Dieses Angebot ist für die angehenden Allgemeinmediziner kostenlos.

Anja Kiene und der wissenschaftliche Leiter des Institutes, Prof. Ingo Gastinger, sind mit dieser Offerte, die einen Abschluss in fünf Jahren garantiert, bereits an die medizinischen Fakultäten der Universitäten in Rostock, Jena und Greifswald gegangen. "Mit Erfolg", sagt Gastinger, "weil 80 Prozent der Absolventen in ihre Heimatregionen zurück wollen. Aber das Angebot muss stimmen." Wenn sich die jungen Ärzte allein um die Organisation der Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner kümmern müssen, vergehen, so Gastinger, oft mehr als acht Jahre.

Für den Chirurgen Dr. Andreas Koch ist die Situation nicht nachvollziehbar. Da würden sich alle Verantwortlichen, die von Ärztemangel reden, gegen eine Unterstützung sträuben. "Nur der Energiekonzern tut etwas, um Mediziner an die Lausitz zu binden", sagt Koch und verweist darauf, "dass schon etwas gewonnen ist, wenn von 50 Interessenten zehn in der Region bleiben". Bert Riedel könnte dazugehören. Sein IfMW-Plan sieht für 2016 den Facharztabschluss vor. Sich in Vetschau niederzulassen, "ist für mich durchaus eine Option".