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Vom Katzentisch auf den Vize-Sessel des Bundestages

 "Bei einmal getroffenen Absprachen ist auf Frau Pau absolut Verlass."  Jörg van Essen, Parlamentarischer Geschäftsführer der Liberalen Von Stefan Vetter


Der Tagesordnungspunkt klingt nach geschäftsmäßiger Routine. Am heutigen Freitag kommt der Bundestag zusammen, um in geheimer Abstimmung sein Präsidium zu vervollständigen. Seit fast einem halben Jahr ist der fünfte Stellvertreterposten bei Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) unbesetzt. Wie jeder anderen Fraktion steht auch der Linkspartei ein Platz im Präsidium zu.
Ende 2005 hatte sie dafür ihren Vorsitzenden, Lothar Bisky, nominiert. In einem beispiellosen Vorgang verweigerte der Bundestag dem einstigen Rektor der Filmhochschule Potsdam jedoch gleich in vier Anläufen die erforderliche Mehrheit. Zu DDR-nah und damit politisch untragbar, hieß es damals quer durch alle anderen Parteien.
Gemessen daran müsste die Ersatzkandidatin erst recht ein Problem sein. Denn Petra Pau, auf die sich die Linksfraktion in der Vorwoche geeinigt hatte, war alles andere als eine Widerstandskämpferin. Die 42-jährige Berlinerin mit der feuerroten Mäcki-Frisur ist gelerntes SED-Mitglied und Freundschaftspionierleiterin, sie studierte Marxismus-Leninismus und arbeitete bis in die politische Wendezeit im Zentralrat der Jugendorganisation FDJ.
Dass Pau heute im Bundestag genauso ihr Waterloo erleben könnte wie einst Bisky, ist gleichwohl nicht zu erwarten. In der Unionsfraktion wollte man zwar keine ausdrückliche Empfehlung für ihre Wahl abgeben. Dafür hatte eine Probeabstimmung in der SPD-Fraktion ein überwältigendes Votum zu Gunsten Paus ergeben. Die Sache müsse endlich vom Tisch kommen, hieß es dort. Auch die FDP-Fraktion signalisierte ihre Zustimmung. Inklusive der Linksfraktion ergibt das eine klare rechnerische Mehrheit für die rote Kandidatin.
Schon während des sich abzeichnenden Bisky-Debakels war Pau als Alternative ins Spiel gebracht worden. Nicht nur, weil die Frauen bei der Postenverteilung in der Linksfraktion zu kurz gekommen waren und Parteistrategen davon ausgingen, dass der freie Platz zwar gut zur selbst gepflegten Märtyrer-Rolle passt, aber irgendwann doch nach einer Konsens-Lösung verlangt. In ihrer mittlerweile achtjährigen Parlamentsmitgliedschaft hat sich die Expertin für Innenpolitik auch bei den anderen Fraktionen Respekt erworben. "Politisch trennen mich von ihr Kontinente", bekennt der Parlamentarische Geschäftsführer der Liberalen, Jörg van Essen. "Aber bei einmal getroffenen Absprachen ist auf Frau Pau absolut Verlass." Auch sei er sicher, dass Pau den Bundestag mit der gebotenen parteipolitischen Neutralität repräsentieren könne, sagt van Essen. Mit dem Vorwurf der Grünen, Pau pflege eine organisatorische Verbundenheit zu ehemaligen Stasi-Mitarbeitern, keimten in dieser Woche plötzlich Zweifel an ihrer Wahl. Doch der Verdacht erwies sich als haltlos. Pau ging in die Offensive und wies die Liberalen zunächst intern darauf hin, dass sie wegen ihrer kritischen Haltung zum DDR-Geheimdienstapparat heftig von deren Interessenverbänden attackiert werde. Die Grünen bekamen dasselbe später vor Kameras und Mikrofonen zu hören. Am Ende ruderten sie kleinlaut zurück.
Die Aussicht, künftig im Bundestagspräsidium Platz zu nehmen, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Pau ist dann auf Augenhöhe mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), dem sie 1998 im heiß umkämpften Wahlkreis Berlin-Mitte/Prenzlauer Berg mit nur 260 Stimmen Vorsprung das Direktmandat abgejagt hatte und der sie in der vergangenen Wahlperiode buchstäblich an den Katzentisch verbannte.
Als die PDS 2002 die Fünf-Prozent-Hürde verfehlte, hielt neben Gesine Lötzsch nur noch Petra Pau als direkt gewählte Abgeordnete das Fähnlein der Linkssozialisten im Bundestag hoch. Es war ein unerquickliches Nischendasein in der hintersten Parlamentsreihe. Um jeden Stuhl mussten die beiden beim damaligen Parlamentschef Thierse betteln. Wird Pau heute vom Parlament gewählt, sitzt sie unwiderruflich ganz vorn - als künftige Sitzungsleiterin des Bundestages.