Als Junge hatte er damals seinen ersten Auftritt in einer Crottendorfer Christmette. "Es war die Rolle des Ben", erinnert sich der 55-Jährige. Später, als Abiturient Ende der 1960er-Jahre, stieg er zum Hirten auf. Und wieder einige Jahre später bekam der Drechsler schließlich die Krone auf: Jahr für Jahr am ersten Weihnachtstag agiert er nun als König Kaspar an der Krippe im Stall zu Bethlehem.
Ob er immer noch aufgeregt sei? "Nicht wirklich", schmunzelt er. "Denn nach so vielen Jahren vergisst man den Text nicht mehr." Eher musste er später seine beiden Töchter Susan und Yvonne beruhigen, als sie ihre ersten Auftritte zur Christmette hatten: als kleine Engel. "So um die drei Jahre waren sie damals", erzählt er.
Christmetten im erzgebirgischen Crottendorf, wo weltbekannte Räucherkerzen entstehen, sind seit Jahrhunderten eine feste Säule im Leben der evangelischen Gemeinde. Ältere Erzgebirgschroniken vermerken etwa für 1850 ein "Dreikönigsspiel in Crottendorf", das in einem "besseren Zustande als viele der übrigen" in dieser traditionell gottesfürchtigen Region sei. Anders als die Krippenspiele vielerorts finden diese allerdings nicht an Heiligabend statt, sondern am Morgen darauf, und zwar sehr zeitig - um fünf Uhr. Dennoch sei die Kirche stets gut gefüllt mit einheimischen wie teils weit angereisten Gästen, berichtet Pfarrer Friedrich Preißler. Er führt dies auch darauf zurück, dass in seinem Haus weder ein historisches Schauspiel noch ein heimattümelnder Weihnachtsklamauk stattfinde.
"Unser Mettenspiel", so fügt Gisela Stoll hinzu, "ist, wie der Name schon sagt, Teil der Morgenandacht." Die zierliche Frau leitet stets die jährlichen Proben und Aufführungen. Sie kennt alle Akteure, zu denen auch ihre Tochter Sonja gehört. Oft gehörten schon drei Generationen einer Familie zur Gruppe. So kann sie versichern: "Hier zelebrieren wir keine Folklore, auch keinen neumodischen Schnickschnack. Bei allen steht der echte Glaube dahinter, die Verkündigung als Botschaft darzustellen." Und das gelingt ihnen ohne Frage.
Darum lassen es sich auch einige Ensemblemitglieder, die es beruflich in die Fremde trieb, nicht nehmen, Weihnachten in der heimatlichen Kirche weiterhin mitzuspielen. Selbst die Maria alias Peggy Braun reist stets vorm Fest aus Leipzig an. Die 33-Jährige mit dem langen schwarzen Haar, das sie dann züchtig hinter einem roten Tuch nebst güldenem Stirnband verbirgt, sitzt seit 1994 als Mutter des Christuskindes an dessen Wiege.
Auch alle anderen Darsteller sind Laien, die sonst fest im Leben stehen, bemerkt Gisela Stoll. Sie selbst arbeitet etwa als Personalchefin einer Firma. Während der Aufführungen agiert sie zudem als Souffleuse. Aber dass jemand den Text vergaß, komme fast nie vor, lacht sie. Stattdessen würden die meisten aus dem 100-köpfigen Ensemble auch die Sprechparts der andern längst kennen - schließlich spiele man diese Christmette in unveränderter Form bereits seit 1933.
Zum Beeindruckendsten der Christmetten in Crottendorf gehören übrigens die Kulissen. Stall, Brunnen und Krippe fügen sich geradezu harmonisch in den sehenswerten Altarraum unter der Hochkanzel ein. "Die haben wir uns natürlich alle selbst gebaut", berichtet Richard Schwind. Auch er ist ein begabter Handwerker aus der Gruppe der Hirten und zugleich ein Beleg dafür, wie man mit den Jahren an seiner Rolle wachsen kann. Anfangs, so verrät der 56-Jährige, habe er nicht ein Wort sprechen brauchen. Heute dagegen gehörten sogar zwei kurze Gesangsstücke zu seinem Repertoire.