Stiftungen, Buchläden, Schulen und Kulturinstitutionen wollen ihn haben - nicht aber als den ausgewiesenen Russlandexperten, der er ist. Sie fragen bei dem Historiker als Zeitzeuge an, denn er kann als letzter Überlebender der "Gruppe Ulbricht" wie kein anderer aus den ersten Jahren der deutschen Nachkriegsgeschichte berichten. Der Professor, der 21 Jahre an der US-Elite-Universität in Yale als Kommunismusexperte lehrte, wird morgen 85 Jahre alt.
"Ich bin der letzte Zeitzeuge, der diese Zeit noch genau in Erinnerung hat", sagt Leonhard, dessen Werk "Die Revolution entlässt ihre Kinder" (1955) heute immer noch ein Bestseller ist. Man merke plötzlich, dass "bald keine Zeitzeugen mehr da sind und es dann nur noch Dokumente geben wird". Der Wendepunkt sei 2003 gekommen, rund um den 50. Jahrestag des Volks aufstandes. "Plötzlich interessierten sich alle dafür. Da habe ich 20-mal mehr Vorträge über den Volksaufstand bekommen als in den 49 Jahren zuvor", erzählt der gebürtige Wiener.
In den nächsten Wochen wird der Historiker in Ostdeutschland zu einer Vortragsserie zum 60. Jahrestag der SED-Gründung unterwegs sein. "Das macht mir einen Riesenspaß", sagt er. Ob ihn die Reiserei in seinem Alter nicht anstrengt? "Ich wundere mich selbst, wie gut es noch geht." Er sei nie krank, nehme nie Tabletten und denke generell nie über Krankheiten nach. Allerdings: "Ich merke schon, dass die Koffer schwerer und die Treppen komplizierter werden."
Leonhard, der am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Geheiß von Josef Stalin mit neun anderen Männern in der sowjetischen Besatzungszone ein sozialistisches System aufbauen sollte, hat bei seinen Schilderungen nur ein Ziel: "Ich will meine Zuhörer in die Zeit von damals zurückversetzen, gedanklich und emotional." Keine abstrakten Dinge wolle er erzählen und schon gar nicht "den Schlaumeier" spielen, der im Nachhinein alles besser weiß.
Leonhard war 1935 als 14-Jähriger mit seiner kommunistischen Mutter vor Hitler nach Moskau geflohen. In der Komintern-Schule, der ideologisch-politischen Ausbildungsstätte für ausländische Kommunisten, wurde er zum treuen Parteifunktionär geformt. Mit 23 war er der Jüngste in der nach dem späteren DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht benannten "Gruppe Ulbricht", dem die sozialistische Mission in Deutschland zugetraut wurde. Vier Jahre später flüchtete er nach Jugoslawien.
Die Wandlung vom gläubigen Genossen über den Kritiker bis zum Gegner der Kommunisten hat Leonhard in seinem fast 700 Seiten umfassenden Werk "Die Revolution entlässt ihre Kinder" beschrieben. Nach dem Erscheinen des Buchs veränderte sich sein Leben. Ein Professor aus Oxford lud ihn an die britische Universität ein. Nach einem Graduiertenstudium kam er nach Deutschland zurück und erwarb sich als Ostexperte, unter anderem als Mitarbeiter für die Wochenzeitung "Die Zeit" (Hamburg), einen Namen. Von 1966 bis 1987 lehrte er in Yale Geschichte der Sowjetunion.
Seinen Geburtstag will Leonhard ganz in Ruhe zu Hause in Manderscheid mit seiner Frau, der SPD-Politikerin Elke Leonhard, feiern.