Sie ist noch eine Tante-Emma-Laden-Besitzerin vom alten Schlage. Hektik und Stress sind vergessen, wenn Kunden in ihr kleines Reich eintreten. Beim Einkauf wird geschwatzt über Gott und die Welt, gelacht über Fremdgänger, geweint über Verstorbene. Die Frau hinter dem Ladentisch ist gern Seelentrösterin, obwohl sie in den letzten Jahren eigentlich oft selbst Trost braucht. Nachdem Supermärkte wie Pilze aus dem Boden schossen, läuft das Geschäft so la la. Deshalb ist sie froh, einen seltenen Verkaufsschlager im Angebot zu haben. Der beschert ihr auch Kunden von außerhalb, die durch Mundpropaganda vom schmackhaften roten Sauerkraut gehört haben.
Als die ehemalige angestellte Verkäuferin nach der Wende arbeitslos wurde, nahm sie ihr Schicksal selbst in die Hand und eröffnete an der Hauptstraße einen Tante-Emma-Laden. "Weil es plötzlich überall alles zu kaufen gab, suchte ich nach etwas Hausgemachtem", denkt sie zurück. Da fiel ihr ein, dass ihre Eltern jeweils im Herbst einen Steintopf voll rotes Sauerkraut einlegten, "das immer viel zu schnell alle war", erzählt sie lachend. "Der Kohldampf blieb bis zur nächsten Saison", erinnert sie sich. Diese Marktlücke wollte sie schließen. Seitdem legt sie selbst alljährlich ab Herbst Sauerkraut ein. Sie gibt zum klein geschnittenen Weißkraut einfach ein Drittel Rotkraut. "Dazu kommen noch verschiedene Gewürze, wie Dill, Kümmel und Senfkörner", verrät sie. Nachdem sie das würzige Gemisch einstampft hat, lässt sie es vier Wochen lang im Fass gären.
Tradition ist es nun, im Herbst das erste Fass zu öffnen und zu verkaufen. Ein Kilogramm kostet knapp drei Euro. Häufig wird die Geschäftsfrau von Kunden nach dem genauen Rezept gefragt. "Das behalte ich natürlich für mich", schmunzelt sie. Dagegen gibt sie gern Tipps, wozu ihr gesundes Kraut in der guten Küche passt: "Zu Dickbein mit Klößen, Gulasch und Gans", zählt sie auf. "Man kann es aber auch einfach roh als Salat genießen. Besonders für Diabetiker ist er geeignet", weiß sie.
Mit rund 100 kg rotem Sauerkraut fing Birgit Döhn an. Inzwischen legt sie pro Saison weit über eine Tonne ein. Das bedeutet regelmäßig Wochenendarbeit, da sie dienstags bis samstags als Alleinkämpferin im Laden steht. Doch wenn die Kunden das rote Kraut über den grünen Klee loben, freut sie sich und gibt ihr Kraft, weiter an der Tradition festzuhalten.