Wenn Nicole nachts aufwacht, denkt sie manchmal, dass alles nur ein schöner Traum war. Dann zwickt sie sich in den Arm und spürt, dass er glücklich und zufrieden angekuschelt neben ihr liegt: Jamie. Ein Typ ewig großer Junge mit Lausbubencharme. Und noch jemand schläft mit im Zimmer: Polly. Das drollige Mädchen ist ein paar Monate alt und die Ruhe selbst. Vielleicht spürt sie es, jetzt angekommen zu sein. Denn turbulent ging es in den neun Monaten Schwangerschaft zu. Und sicher wird ihre Mutter ihr später oft erzählen müssen, wie das damals war. Warum sie von Sachsen aus durch Australien zog und wie sie dabei zufällig einen Neuseeländer kennen und lieben lernte.

Hilfe für andere Menschen
Die Mittzwanzigerin hilft und umsorgt gern Menschen. "Das scheint in der Familie zu liegen", sagt sie und bemerkt, dass ihre Mutter Altenpflegerin ist. Nicole lernte Krankenschwester und arbeitete in einem Leipziger Seniorenheim. "Nach einem Jahr war ich zunehmend unzufrieden", erinnert sie sich. "Ich hatte einfach zu wenig Zeit, um mich intensiv um die älteren Menschen zu kümmern. Ganz schnell war ich in dem Hamsterrad, das sich immer schneller drehte. Da wollte ich unbedingt raus."
Nicole begann zu träumen. Afrika vielleicht. Aber dann schwärmte eine Kollegin von Australien: von der Weite der Landschaft, den ausgeglichenen Einheimischen, von der angebotenen Arbeit in Hülle und Fülle. Jeden Euro legte Nicole fortan zur Seite, um in nächster Zeit aus dem Alltag auszubrechen. Im Oktober 2004 war es so weit. Zusammen mit ihrem Cousin, der sie in den ersten Wochen begleitete, flog die von der Fernsucht Getriebene nach Sydney. Und wurde nicht enttäuscht. Wie im Rausch nahm sie die Reize des fünften Kontinents auf. "Doch nach einer Woche war das Geld alle", gibt sie zu. Deshalb suchte sie sich auf einer Pfirsichfarm Arbeit. "Viele Aussteiger verdienten sich dort ihr Geld", denkt sie zurück. Und oft saß man abends am Lagerfeuer und berichtete, wo man herkommt .
Dabei fiel ihr ein etwas schlacksiger Neuseeländer auf, den alle nur Jamo nannten. "Er trug trotz der Wärme stets eine Mütze, wohl dass man besser seine traumhaft schönen blauen Augen sieht", mutmaßt sie. Und der gelernte Zimmermann hatte plötzlich nur noch Augen für das schöne Sachsenmädel. Erste zaghafte Küsse. Das frisch verliebte Paar zog fortan mit dem Rucksack durch Australien, arbeitete auf verschiedenen Farmen, sah sich vom verdienten Geld das Land an. Im Frühjahr 2005 merkte Nicole, dass sie schwanger war.

Geburt in Sachsen
Das Glück war stärker als die vielen Bedenken und die sich anbahnenden bürokratischen Hürden. Schließlich entschieden sich die Jungverliebten, dass ihr Mädchen in Sachsen auf die Welt kommen soll. Natürlich war der Vater bei der Geburt seines Kindes am 5. Dezember mit dabei. Nun fehlt zum Familienglück in Pegau bei Leipzig nur noch Arbeit für Jamie.