Enas Taktak hatte Glück, dass sie schon 16 Jahre alt war, als sie vor einem Jahr nach Cottbus kam und einen Schulabschluss aus ihrer syrischen Heimatstadt Homs vorweisen konnte. Damit war sie in Brandenburg nicht mehr schulpflichtig. Das öffnete ihr die Tür zum regulären sechsmonatigen Sprachkurs, den jeder Flüchtling mit Bleibestatus bekommt.

Vor sechs Wochen wurde sie nun am Cottbuser Max-Steenbeck-Gymnasium aufgenommen. Enas wiederholt dort die zehnte Klasse, um dann an der Spezialschule für mathematisch-naturwissenschaftlich Begabte das Abitur abzulegen.

Trotz des sechsmonatigen Deutschunterrichtes war der Schulstart für das freundliche Mädchen, eine gläubige Muslima mit Kopftuch, nicht einfach. "Alles war neu, ich musste immer fragen", sagt sie. Zusätzlichen Deutschunterricht benötigt sie noch immer.

"Deutsch ist für sie trotz des Sprachkurses noch ein Problem, in Mathematik sieht es dagegen gut aus", sagt der stellvertretende Schulleiter Frank Ristau. Im Aufnahmegespräch und durch ihre Zeugnisse habe Enas aber gezeigt, dass sie an die Schule mit speziellem Profil passe.

Enas Taktak ist kein Einzelkind. Zwei ältere Brüder studieren seit drei Jahren in Cottbus an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. Zusammen mit Enas kamen im vorigen Herbst ihre Eltern, ein weiterer Bruder und ihre fünfzehnjährigen Zwillingsschwestern nach Cottbus. Die hätten es viel schwerer gehabt als sie und anfangs gar nicht mehr in die Schule gewollt, so Enas.

Die Zwillinge wurden an der Paul-Werner-Oberschule ohne vorbereitenden Sprachkurs in eine neunte Klasse gesetzt. Deutsch müssen sie seitdem allein durch Zusatzunterricht erlernen. "Diese Verfahrensweise ist das, was unseren Möglichkeiten entspricht", sagt Schulleiter Harry Paulenz. Bei vier syrischen Flüchtlingskindern in der Schule könne er keine "Willkommensklasse" aufmachen.

Den Schwestern von Enas Taktak bescheinigt er inzwischen gute Fortschritte. Und er räumt ein, dass die deutsche Sprachkompetenz der älteren Geschwister dabei durchaus eine Rolle spielen könnte.

Zwei andere syrische Mädchen in der achten Klasse hätten es schwerer. "Die waren nie in einer richtigen Schule, hatten nur Hausunterricht", so Paulenz. Sechs Wochenstunden Deutsch bekommen sie nun zusätzlich. "Sie sind gut in der Klasse aufgenommen worden, machen aber nur langsam Fortschritte", räumt der Schulleiter ein.

Flüchtlingskinder, die nach Brandenburg oder Sachsen kommen, werden auf ganz verschiedene Art in die Schulen integriert. Sachsen setzt seit Jahren konsequent auf spezielle Vorbereitungsklassen für alle. Außerdem werden die Schüler von der Sächsischen Bildungsagentur auf die Schulen verteilt.

"Sie besuchen zuerst an Stützpunktschulen spezielle Klassen, in denen sie intensiv Deutsch als Zweitsprache lernen", so Angela Ruscher, Sprecherin der Bildungsagentur, Regionalstelle Bautzen. Je nach Sprachfortschritt werden die Kinder und Jugendlichen dann so schnell wie möglich in reguläre Klassen verteilt. Durch die sprachliche Vorbereitung hätten sie dann auch eine gute Chance, dort den Anschluss zu schaffen.

Flüchtlingskinder in Südbrandenburg erleben bisher nur zum Teil eine solche sprachliche Intensivphase, bevor sie in die regulären Klassen kommen. Die Zahl der Vorbereitungsklassen, auch "Willkommensklassen" genannt, nehme jetzt erst zu, räumt Gerald Boese ein. Er ist Leiter der Regionalstelle Cottbus des Brandenburger Landesschulamtes und für alle südlichen Landkreise und Cottbus zuständig.

"Willkommensklassen" gebe es bisher in Cottbus, in Forst und seit einigen Wochen auch in Guben und Elsterwerda. Dort haben sich drei Schulen in der Stadt zusammengetan, um so eine Klasse zu füllen. Auch in Guben wird das praktiziert.

Bisher, so Schulamtschef Boese, hätten "Förderkurse" für Flüchtlingskinder überwogen. Das bedeutet zwei Stunden zusätzlich Deutsch pro Tag, sonst normaler Unterricht von Anfang an. Ob Schulen in Südbrandenburg "Willkommensklassen" einrichten, müssten sie, anders als in Sachsen, selbst entscheiden.

Inzwischen habe jedoch schon jede zweite der insgesamt 185 Schulen im Bereich der Regionalstelle fremdsprachliche Schüler, so Boese: "Immer mehr Schulen müssen sich deshalb dem Thema stellen. Für Vorbereitungsklassen wurden bisher 36 zusätzliche Lehrerstellen bereitgestellt. Das decke den aktuellen Bedarf. 30 Lehrer seien zurzeit in einer Zusatzqualifikation, um danach Deutsch als Fremdsprache unterrichten zu können.

Die Cottbuser Regionalstelle des Schulamtes wird vermutlich in den kommenden Wochen bei weiterem Flüchtlingszuzug auch häufiger Schulen anweisen müssen, diese Kinder aufzunehmen. Denn in Brandenburg müssen auch die Flüchtlinge für ihre Kinder selbst eine Schule suchen und sie dort anmelden.

Sind dort alle Plätze nach den Richtzahlen besetzt, können die Schulen ablehnen. Dann kann das Amt die Kinder zuweisen. Bisher war das in Südbrandenburg bei nur wenigen Kindern der Fall. Doch jetzt seien viele Schulen voll.

Enas Taktak konnte am Cottbuser Steenbeck-Gymnasium aufgenommen werden, weil ein anderer Schüler gerade weggezogen war. Bis zum Schuljahresende muss sie jetzt den Anschluss in allen Fächern schaffen, auch in Deutsch. "Wir werden sie unterstützen, so gut wir können", verspricht der stellvertretende Schulleiter Frank Ristau.

Zum Thema:
Für die Kinder von Asylbewerbern und Flüchtlingen gilt die Schulpflicht wie für deutsche Kinder. Im Jahr 2014 sind insgesamt rund 100 000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter nach Deutschland eingewandert. Diese Zahl könnte sich nach aktuellen Prognosen bald verdoppelt haben. Etwa zwei Drittel der Schulpflichtigen sind zwischen zehn und achtzehn Jahre alt. An Brandenburger Schulen lernen derzeit etwa 3200 Kinder aus Flüchtlingsfamilien, rund 900 davon im Bereich der Regionalstelle Cottbus des Landesschulamtes. Bei ihnen überwiegt mit fast 70 Prozent die Zahl der Schüler im Grundschulalter. Im Bereich der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Bautzen, die für die Landkreise Bautzen und Görlitz zuständig ist, lernen zurzeit rund 770 Schüler mit Migrationshintergrund in Vorbereitungsklassen. Mit rund 400 stellen Grundschüler dabei die größte Gruppe, neben mehr als 250 Oberschülern und 117 Jugendlichen an Berufsbildenden Schulen. Wie viele Zuwandererkinder nach einer Vorbereitungsklasse bereits in den Regelunterricht integriert sind, wird in Sachsen statistisch nicht erfasst. Sie erhalten dort weiter begleitend Unterricht in Deutsch als Fremdsprache. In Brandenburg und Sachsen werden Lehrer zusätzlich für das Fach Deutsch als Fremdsprache qualifiziert. Brandenburg hat bereits 120 Lehrer für die Betreuung der Flüchtlingskinder eingestellt. Weitere 240 zusätzliche Stellen sollen nun hinzukommen. Eine besondere Problemgruppe sind Kinder und Jugendliche, die durch Krieg und Flucht mehrere Jahre keine Schule besuchen konnten. sim