Der kleine Levin weint. "Er hat starke Ohrenschmerzen bekommen", erzählt Mutter Lena Eilering der Ärztin Jenni Helweg. Daneben steht Mohamad Chanan, ebenfalls Arzt. Die Medizinerin schaut mit einem kleinen Gerät in den Gehörgang des Dreijährigen. "Oh ja, das Ohr ist tüchtig rot", sagt die Hausärztin, und dreht sich zu ihrem Kollegen um. "Willst du auch mal schauen?"

Chanan kniet sich vor Levin hin, prüft das Ohr und nickt seiner Kollegin zu. Er ist Syrer, seit 30 Jahren Arzt, hat vor allem Kinder behandelt - darf aber nur als Praktikant in einer Hausarztpraxis in Emlichheim an der deutsch-niederländischen Grenze tätig sein. Bis er vollständig in Deutschland als Mediziner anerkannt ist, wird es noch Jahre dauern.

"Das ist ein steiniger Weg", sagt Uwe Köster von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). In den meisten Fällen dauere es vier bis fünf Jahre, bis Ärzte aus dem Ausland in Deutschland ihre Approbation bekommen.

Flüchtlinge aus Syrien haben dabei ein ganz spezielles Problem, schildert der Leiter des Niedersächsischen Zweckverbandes zur Approbationserteilung (Nizza), Holger Steinwede. Denn wegen des Bürgerkriegs in Syrien sei die Prüfung, ob Studienzeugnisse und Bescheinigungen echt seien, kaum möglich.

Derzeit werde bei Bewerbern, die aus Syrien kommen, und bei denen es plausibel sei, dass sie als Mediziner gearbeitet haben, eine begrenzte Berufserlaubnis erteilt. Sehr oft arbeiten die Ärzte mit dieser vorübergehenden Arbeitserlaubnis dann in Krankenhäusern. "Da sind wir auf die Chefärzte angewiesen, die die Leute beobachten müssen", sagt Steinwede. Fehlen also Zeugnisse, lassen diese sich auch durch praktische Arbeit und Berufserfahrung ersetzen. Am Ende stehe eine mündliche und praktische Prüfung.

Chanan wartet auf diese vorläufige Berufserlaubnis. Er ist 55 Jahre alt, ein ruhiger, bärtiger Herr mit weißen Haaren und einem freundlichen Gesicht. Seine Praxis hatte er im schwer vom Krieg zerstörten Aleppo.

Seit Anfang Januar lebt er mit seiner 13 Jahre alten Tochter und seiner ebenfalls 55 Jahre alten Frau in Emlichheim, der westlichsten Gemeinde Niedersachsens. Mediziner zu finden, die sich in der 14 000 Einwohner zählenden Gemeinde als Ärzte niederlassen wollen, ist schwierig.

"Wir suchen schon seit Jahren", sagt Helweg, die mit zwei Kollegen und einem angestellten Arzt eine Hausarztpraxis betreibt. Ihr Kollege Robert van Wermeskerken sei 65 und gehe bald in den Ruhestand, ihr angestellter Kollege ebenfalls. Jeden Tag betreut das Team 500 Patienten, macht viele Hausbesuche und muss auch zu Notfalleinsätzen raus.

Samtgemeindebürgermeisterin Daniela Kösters (parteilos) ist es zu verdanken, dass Chanan jetzt in Emlichheim ist. In einer Fernsehtalkshow hörte sie davon, dass unter den syrischen Flüchtlingen viele Ärzte seien, die Arbeit suchen. Sie nahm Kontakt zu einem der Teilnehmer der Diskussionsrunde auf. Das war Chanans Neffe, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Kösters und Chanan schlossen einen Vertrag: Die Samtgemeinde zahlt die Kosten für die anstehenden Deutschkurse, und Chanan verpflichtete sich im Gegenzug, in Emlichheim als Landarzt zu arbeiten.

"Ich finde, Emlichheim ist ein kleines Paradies", sagt der Großstadtmensch Chanan. "Alle sind nett, die Ärzte, die Patienten, sogar die Natur."

Kösters hat im vergangenen Jahr viel Zeit und Kraft investiert, um Chanan durch das deutsche Verwaltungslabyrinth zu lotsen. Aber von den in Deutschland geltenden Standards bei der Zulassung ausländischer Ärzte herunterzugehen, könne nicht der Weg sein: "Ich sehe daher nicht, dass wir durch den massenhaften Zuzug von ausländischen Ärzten sämtliche Lücken in der ambulanten Medizin schließen können."