Wenn der Satz von Ex-Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) stimmt, dass die Freiheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, dann ist es um die deutsche Freiheit derzeit nicht gut bestellt. Fünf Jahre nach Beginn des Nato-Einsatzes in Afghanistan hat sich das Bündnis bei seinem Gipfel in der lettischen Hauptstadt Riga nur auf Minimallösungen für das instabile Land geeinigt. Eine neue Kontaktgruppe soll nach Balkan-Vorbild den Wiederaufbau vorantreiben. Zudem wollen sich die Bündnispartner "im Notfall" zu Hilfe eilen. Weitreichende Zusagen für die von der Nato-Spitze geforderten 2500 Soldaten blieben dagegen aus. Der erste Bündnisfall in der Geschichte der Nato ist zu ihrem bisher größten Testfall geworden.
"Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle", schrieb US-Präsident George W. Bush den 25 Bündnispartnern in Riga ins Stammbuch. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte sich die Nato erstmals in ihrer Geschichte auf diesen Grundsatz bezogen und war im Kampf gegen Terror und Taliban nach Afghanistan gezogen. Fünf Jahre später bleibt Al-Qaida-Chef Osama bin Laden unauffindbar, die radikalislamischen Taliban weiten ihren Widerstand aus. Rund 3700 Tote zählt Afghanistan in diesem Jahr bereits - viermal so viele wie 2005. Allein die Nato beklagt rund hundert tote Soldaten.
Trotzdem wurden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere Nato-Partner in Riga nicht müde, Vorbehalte gegen mehr Truppen für Afghanistan zu formulieren. "Im Notfall" werde Deutschland seine Verbündeten nicht im Stich lassen, bekräftigte die Kanzlerin nach dem Gipfel. Der Platz der Bundeswehr sei aber im vergleichsweise ruhigen Norden Afghanistans, wo sie das Regionalkommando in Masar-i-Scharif leitet. Bush und der britische Premier Tony Blair bissen nicht nur bei Merkel mit ihrem Werben um mehr Unterstützung für ihre Truppen auf Granit. Auch andere große Bündnisstaaten wie Italien, Spanien und Frankreich pochten auf ihre beschränkten Mandate. Die symbolischen Gesten für mehr Hilfen überließen sie kleineren Partnern wie Norwegen und Polen.
"Die Glaubwürdigkeit der Nato steht auf dem Spiel", mahnte Blair die Partner. Die Lage könnte kaum ernster sein: Rund 10 000 Kanadier, Briten, Dänen, Australier und Niederländer sind im Süden und Osten Afghanistans in heftige Kämpfe mit den Taliban verwickelt. 2000 bis 2500 Soldaten fehlen nach Nato-Analysen für die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf), die derzeit gut 30 000 Mann aus 37 Ländern umfasst.
Trotz alledem bleibe Afghanistan "Mission Possible", beharrte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer. Mangels Soldaten will das Bündnis zumindest die Zusammenarbeit der Kräfte verbessern. Dafür soll eine neue "Afghanistan-Kontaktgruppe" sorgen, die nach Vorbild des Kosovo zivile und militärische Kräfte bündeln soll. Dass Deutschland dabei eine wichtige Rolle spielen wird, gilt als sicher: Immerhin übernimmt Berlin am 1. Januar zugleich die Präsidentschaft der Europäischen Union und der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands (G8).
Dass der Riga-Gipfel gescheitert sei, wollte am Schluss keiner der Bündnispartner akzeptieren. Merkel lobte das "Signal der Geschlossenheit" und selbst Kritiker Blair sprach von "deutlichen Fortschritten". Eine echte Diskussion über Afghanistan hat die Nato indes in Riga nicht geführt. Dafür blieb bei einem gerade mal zweistündigen Abendessen mit 26 Wortmeldungen keine Zeit. Die Bundeskanzlerin habe mit zwei Nachfragen noch am intensivsten zur Debatte beigetragen, hieß es aus Regierungskreisen.