Am 26. Januar 1971 fuhren fünf Schüler der damaligen Erweiterten Oberschule Cottbus nach Berlin. Ein Betreuer des Reichsbahnausbesserungswerkes begleitete sie. Der Betrieb hatte die angehenden Abiturienten für ihre "wissenschaftlich-praktische Arbeit" in der Firma ausgezeichnet. Gut gelaunt und ausgelassen erzählten zwei unterwegs, dass sie Briefe in der Tasche hätten, die sie in Berlin abschicken sollten: Musikwünsche an den Sender Rias 2 in Westberlin, gerichtet an eine Deckadresse. Für die Briefeschreiber, die sich "Arturo", "Bonzoo" oder "Lady Jane" nannten, wurde die heimliche Post zum Verhängnis. Zwei Tage nach der Berlin-Fahrt wurden die Jungen, die an der Exkursion teilgenommen, sowie Rainer Kulka und Karin Abelt, die Briefe mitgegeben hatten, zum Direktor der Schule bestellt. Neben dem saßen nicht nur Parteisekretär und Klassenlehrer, sondern auch zwei Männer, offensichtlich Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Wie Peter Wenzel, damals Sportlehrer an der Erweiterten Oberschule in Cottbus, bei seinen Recherchen herausfand, hatte ein Mitschüler, der an der Exkursion teilgenommen hatte, die Briefaktion verraten.


Vorbereitung von "Republikflucht"

"Das war wie eine Keule vor den Kopf", erinnert sich Rainer Kulka, "wir haben doch gedacht, dass das nicht rauskommt und
wenn, dann nicht mit solchen Folgen". Schockiert war er darüber, dass ihm und den anderen Musikwunsch-Schreibern "Kontaktaufnahme" in den Westen vorgeworfen wurde, sogar die Vorbereitung von "Republikflucht". Karin Abelt ging es ähnlich. "Man war regelrecht ohnmächtig und konnte sich überhaupt nicht wehren", erinnert sie sich, "die Briefe, das war doch für uns nur Spaß." Ein Spaß, von dem sich die DDR jedoch offensichtlich bedroht fühlte. Am 4. Februar 1971, nur neun Tage nach der verhängnisvollen Fahrt in die DDR-Hauptstadt, wurde bei einem Fahnenappell öffentlich das Urteil über die betroffenen Schüler gefällt. Wegen gröblichster Verletzung der Ehre der Schule durch politisch falsches Verhalten wurden Rainer Kulka, Karin Abelt und ein
dritter Briefschreiber an den Rias von der bevorstehenden Abiturprüfung ausgeschlossen und von der Schule verwiesen. Mit dem Halbjahreszeugnis der 12. Klasse mussten sie gehen, ihre bereits erhaltenen Studienzulassungen zurückgeben. Die vier Jungen, die an der Exkursion teilgenommen, selbst aber keine Briefe geschrieben hatten, erhielten Verweise beziehungsweise eine Rüge. Vermutlich um ihn zu schützen war darunter auch derjenige, der seine Mitschüler verraten hatte. Wie das genau geschah, konnte Peter Wenzel nicht aufklären.

Er fand jedoch heraus, dass der damalige stellvertretende Cottbuser Stadtschulrat, Werner G., ein Stasispitzel war. Der hatte den DDR-Geheimdienst kurz vor der Aussprache mit den Schülern im Direktorenzimmer über die Briefaktion informiert. In dem dazu verfassten Treffprotokoll der Stasi wird einer der Schüler, der mit in Berlin war, als Informationsquelle namentlich genannt. Auf RUNDSCHAU-Nachfrage versichert dieser jedoch, er habe damals mit niemandem über die Briefe seiner Mitschüler gesprochen. Warum sein Name in den Stasiakten steht, könne er sich nicht erklären. Er sei völlig unschuldig und habe sich nichts
vorzuwerfen. In den Stasiakten fanden sich auch Dokumente, die belegen, dass der Rauswurf der Schüler schnell beschlossene Sache war und Schulleitung, Schulverwaltung und Staatssicherheit dabei Hand in Hand zusammenarbeiteten. Rainer Kulka, einer der Relegierten, ist heute erstaunt darüber, was sich damals hinter den Kulissen abspielte und was er erst jetzt durch die Recherchen von Lehrer Peter Wenzel erfuhr. Vor der Elternversammlung der betroffenen Klasse
fand beispielsweise eine "Genossen-Elternversammlung" statt, damit die eigentliche Elternzusammenkunft politisch-ideologisch richtig ablief. Trotzdem sprach sich die Mehrheit der Eltern dafür aus, dass die Briefeschreiber das Abitur ablegen dürfen, sich jedoch vor dem Studium in der Produktion bewähren sollten. Zwei Genossen-Eltern, die offensichtlich beauftragt waren, den sofortigen Schulausschluss zu verlangen, konnten die Meinung nicht kippen.


Brief an Margot Honecker

Am Rausschmiss der Schüler änderte das jedoch nichts. Der Vater von Karin Abelt, ein langjähriges SED-Mitglied, schrieb sogar an
die damalige Volksbildungsministerin Margot Honecker, um seiner Tochter den Weg zum Abitur zu retten. Die Eltern von Rainer Kulka wandten sich an die Abteilung Volksbildung beim Rat des Bezirkes. Beide Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Für einen der Schüler, die mit einem Verweis davon kamen, hatte der Zwischenfall nach Recherchen von Peter Wenzel trotzdem Konsequenzen. Er wurde anfangs fälschlicherweise für den "Verräter" gehalten und hat darunter lange sehr gelitten. Seine dringende Bitte an Direktor und Parteisekretär der Schule, seine Unschuld öffentlich zu beteuern und den wahren Schuldigen zu nennen, blieb ungehört.


Auch Lehrer wurden versetzt

Folgen hatte der Zwischenfall auch für die Eltern der betroffenen Schüler. Mit ihnen wurden an ihren Arbeitsplätzen Aussprachen
geführt, einer verlor wegen "ideologischer Schwäche" seinen Posten als Ausbilder für Lokführer. Auch Lehrer der Erweiterten Oberschule, die den Rausschmiss der Schüler nicht vorbehaltlos unterstützten, wurden nach Angaben von Peter Wenzel in den folgenden Jahren an Polytechnische Oberschulen versetzt. Der Klassenlehrer der ausgeschlossenen Schüler wurde beispielsweise als Leiter der "Station Junger Touristen" in den Cottbuser Pionierpark geschickt.
Der weitere Lebensweg der relegierten und der mit einem Verweis oder einer Verwarnung bedachten Schüler nahm einen sehr unterschiedlichen Verlauf. Die rausgeworfene Karin Abelt machte eine Lehre als Wirtschaftskauffrau. Mehrmals bewarb sie sich darum, auf der Volkshochschule doch noch das Abitur ablegen zu dürfen. Alle Anträge wurden ohne Begründung abgelehnt. Von ihrem Betrieb wurde sie später an eine Fachschule delegiert. Heute lebt sie am Stadtrand von Berlin. "Man musste sich überall klein machen, weil man ja erst mal irgendwie auf Gnade angewiesen war", sagt sie. Das habe sie tief verletzt.
Bernd Pieper, der eine Verwarnung erhalten hatte, begann in Potsdam zu studieren. Dort wurde er 1975 vom MfS verhaftet, weil er Sendungen im Rias aufgenommen und Inhalte daraus aufgeschrieben hatte. Wegen staatsfeindlicher Hetze wurde er zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach siebzehn Monaten, die er zum großen Teil im Cottbuser Gefängnis verbrachte, wurde er vom Westen freigekauft. Er studierte in Bielefeld und arbeitet inzwischen beim Arbeitsamt in Gütersloh. 1992 war Pieper für ein paar Monate in den Arbeitsämtern Cottbus und Bad Liebenwerda tätig. Über seine Haftzeit hat er ein Buch geschrieben.

Für Rainer Kulka, der kein besonders guter Schüler war, erwies sich der Ausschluss vom Abitur im Nachhinein als Glücksfall. Er fand in der Lungenklinik in Kolkwitz bei Cottbus nicht nur einen Ausbildungsplatz als Pfleger, sondern in dem damaligen Chefarzt und seinem Stellvertreter auch Förderer, die ihn später zu einem Medizinstudium delegierten. Vorher holte Kulka auf der Volkshochschule das Abitur nach. Eine sehr gute Beurteilung des zuständigen Kommandeurs während seiner Wehrdienstzeit öffnete ihm dafür die Tür. Kulka lebt seit seinem Studienabschluss als Arzt in Cottbus.

"Ich habe sicher viel Glück gehabt"

Als er damals doch noch das Abitur ablegen und studieren konnte, war die Sache für ihn erledigt, versichert der Mediziner.
"Ich habe sicher viel Glück gehabt", sagt Kulka, deshalb könne er heute ohne Wut zurückblicken. Peter Wenzels Recherchen hätten jedoch auch bei ihm die Erinnerung wieder wachgerufen und ihm ein paar unruhige Nächte bereitet. Karin Abelt dagegen spürt noch immer zeitweise Wut, wenn sie an ihren Ausschluss vom Abitur zurückdenkt. Sie habe schon das Gefühl, dass sie dadurch um
Lebenschancen gebracht wurde. Andererseits hätten es die meisten Mitschüler, die sich ganz linientreu verhielten und gegen die Rias-Briefeschreiber stellten, in der DDR "zu was gebracht".
Der damalige Direktor der Cottbuser Erweiterten Oberschule, Joachim K., sagt, die Schüler, für die er damals, wie von ihm erwartet, den Ausschluss vom Abitur beantragt hat, hätten ihm Leid getan. Heute empfinde er Scham über sein Verhalten. Joachim K. ist jetzt 75 Jahre alt. Peter Wenzel, der Lehrer an der Zivildienstschule in Schleife, der den Fall der Rias-Briefeschreiber recherchiert hat, ist im vorigen Dezember Rentner geworden. Das Ergebnis seiner Nachforschungen, ergänzt mit Beispielen von Stasispitzeln unter Cottbuser Lehrern, hat er als Unterrichtsmaterial an der Zivildienstschule in Schleife zurückgelassen.