Herbert Hupka war dem 20-jährigen Andrzej Markowiak gut bekannt. Es war in den 70er-Jahren, Markowiak schaute Fernsehen, las Zeitungen. Hupka sei "ein Polenhasser, ein Revanchist, der Schlesien Polen wegnehmen will", hieß es da. Hätte ihm damals jemand gesagt, dass er Hupka persönlich kennenlernen würde - Markowiak hätte es nicht geglaubt. Und würde gar jemand prophezeit haben, dass er und Hupka mal gute Bekannte sein würden, hätte Markowiak ihn wohl ausgelacht.

Andrzej Markowiak läuft durch Raciborz (Woiwodschaft Schlesien). Gut gelaunt, gesprächig, in einem Sakko, obwohl die Sonne an diesem Tag kaum wärmt. "Guten Tag, Herr Oberbürgermeister", begrüßen ihn immer wieder Passanten. Seit mehr als zehn Jahren ist er das nicht mehr. Doch die Einwohner erinnern sich gut an ihn.

Vor 40 Jahren war Markowiak als Ingenieur hierhergekommen. Geboren wurde er in Namyslow (Woiwodschaft Opole), 130 Kilometer entfernt. Hier wurden nach dem Zweiten Weltkrieg alle Deutschen ausgesiedelt. Es kamen Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten - Markowiaks Eltern aus Wolhynien im Nordwesten der heutigen Ukraine. Andrzej kannte Deutsche nur aus dem Fernsehen. Serien wie "Vier Panzersoldaten und ein Hund", oder "Sekunden entscheiden", die auch im DDR-Fernsehen liefen. Da kamen nur böse Deutsche vor. Wie Herbert Hupka.

Er war kein typischer Vertriebener. Zwar betrachtete er sich selbst immer als Schlesier. Aber geboren wurde er 1915 in Diyatalawa auf Ceylon, heute Sri Lanka. Seine Eltern wurden dort nach dem Kriegsausbruch interniert, als sie auf dem Weg nach China waren, wo sein Vater wissenschaftlich arbeiten sollte. Nach Schlesien kehrte Therese Hupka allein mit ihrem Sohn zurück, denn ihr Ehemann war unterwegs gestorben. Beide hatten unter den Nazis zu leiden. Weil seine Mutter - obwohl katholisch - jüdischer Abstammung war. Während des Krieges wurde sie nach Theresienstadt deportiert, Sohn Herbert wurde als "unwürdig" aus der Wehrmacht entlassen und inhaftiert.

Mutter und Sohn überlebten und zogen nach dem Zweiten Weltkrieg nach München. Herbert Hupka schloss sich den Sozialdemokraten an - allerdings bevor Kanzler Willy Brandt im Jahr 1970 den Grenzvertrag mit Polen unterschrieb. Damit konnte der Präsident der Schlesischen Landsmannschaften nicht leben.

Doch auch in seiner neuen Partei, der CDU, war er nicht unumstritten. So sollte im Jahr 1985 die Versammlung der Landsmannschaften unter der Überschrift stattfinden: "40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser". Auch viele CDU-Politiker sahen darin "aggressiv” geäußerte Besitzansprüche. Angesichts dieser Kritik musste Hupka, damals Mitglied des Bundestags, das Motto ändern. In "Schlesien bleibt unsere Zukunft in einem Europa freier Völker".

Wenige Jahre später kam die politische Wende. Deutschland wurde wieder vereinigt, die Grenze zu Polen in einem neuen Vertrag bestätigt, und Raciborz wurde für immer als polnisch anerkannt.

Lange noch vor dieser Zeit war ein Kollege von Andrzej Markowiak in die BRD gefahren. Er schickte ihm von dort eine Karte mit einer Briefmarke, auf der der Schriftsteller Joseph von Eichendorff (1788-1857) zu sehen war. "Weißt du, dass er aus Raciborz stammte?", schrieb er.

Markowiak erkannte mehr und mehr, dass Geschichte nicht nur Schwarz und Weiß ist. In Raciborz lebten - anders als in seinem Geburtsort Namyslow - neben Polen auch Deutsche und Schlesier. "Einige meiner Arbeitskollegen stellten sich auch als Deutsche vor. Gute Kollegen, gute Menschen", sagt er rückblickend. Unter einer Fahne hätten sie gemeinsam in der Gewerkschaft Solidarnosc für Demokratie gekämpft, sagt er.

"Es war irgendwo hier am Denkmal, als ich ihn traf", erinnert sich Andrzej Markowiak beim Spaziergang durch seine Stadt. Vor 20 Jahren, schon als Oberbürgermeister, hatte er ein Denkmal von Joseph von Eichendorff enthüllt. Kein besonderes Ereignis - aus heutiger Sicht. Damals, kurz nach der Wende, brauchte man Mut, einem deutschen Dichter ein Denkmal zu setzten.

"Wir Ratiborer waren Vorreiter", sagt Markowiak stolz und verweist auf die große Symbolkraft: In einer polnischen Stadt, an einer Straße, benannt nach dem polnischen romantischen Dichter Adam Mickiewicz, steht ein Denkmal von einem deutschen Kollegen. Genau an dem Ort, auf dem dieses vor dem Krieg stand, als die Stadt nicht Raciborz, sondern Ratibor hieß. Enthüllt von einem polnischen Oberbürgermeister. Mit dabei war auch Herbert Hupka.

Nach 1990 hatte dieser alte Positionen zum Teil aufgegeben. Er stellte die Grenze nicht mehr in-frage und setzte sich inzwischen für deutsch-polnische Aussöhnung ein. Er kritisierte auch die Rückgabeforderungen der Preußischen Treuhand an Polen.

1991 fuhr er zum ersten Mal wieder in die alte Heimat. Markowiak kann sich noch gut an die Fotos von diesem Besuch erinnern. Bei der Zeremonie zur Enthüllung des Eichendorff-Denkmals erkannte er Hupka sofort wieder: groß, mit weißem Haar und Schnurrbart.

Es war der Anfang einer Freundschaft. Und einer neuen Beziehung des deutschen Vertriebenen-Politikers zu Raciborz. Er kam fortan oft zu Besuch. Mit privaten Kontakten sorgte er für das Geld für eine neue Kläranlage in der Stadt. Nach der großen Flut 1997 half er beim Renovieren der zerstörten Häuser.

Die Stadtverwaltung wagte im Gegenzug einen mutigen Schritt. Sie veranstaltete ein Landsmannschaftstreffen in Raciborz. "Revanchisten" in Polen?" Das löste eine Riesen-Debatte aus. Eine noch heftigere folgte, als der Stadtrat, beantragt von Markowiak, beschloss, Hupka den Ehrenbürgertitel zu verleihen.

Die festliche Veranstaltung musste in ein Bürgeramt verlegt werden, denn vor dem Rathaus versammelten sich Protestler. "Fremde, keine Ratiborer", erinnert sich Markowiak. Kurz darauf wird er vom Staatsanwalt geladen - einer der Abgeordneten hatte ihn verklagt. Angeblich habe Hupka sich nie für die Finanzierung engagiert, Markowiak habe in dieser Hinsicht den Stadtrat belogen. Der Oberbürgermeister legte die ganze Korrespondenz vor: Briefe, Faxe mit Zahlen, Daten. Die Ermittlung wurde eingestellt.

Seinen 90. Geburtstag feierte Herbert Hupka in Raciborz. Andrzej Markowiak wechselte vom Rathaus ins Parlament. Ein Jahr später, 2006, starb Hupka.

"Er war ein Botschafter von Raciborz. Der beste, den man sich vorstellen kann", sagte Andrzej Markowiak neun Jahre später am 100. Geburtstag von Hupka - dem ehemaligen "Revanchisten", Politiker und - bis zu seinem Lebensende - Ratiborer.