Die "Tagesschau" wurde vermutlich - abgesehen von Funktionärs- und Soldatenfamilien - in den meisten DDR-Haushalten gesehen, wo man Westfernsehen empfangen konnte, die östliche "Aktuelle Kamera" (AK) war SED-zensiert und "staatsfromm" und entsprechend langweilig - deren Sprecher waren schon aus protokollarischen Gründen nicht zu beneiden, wenn sie bei jeder offiziellen Nachricht die vollständigen Titel verlesen mussten wie "d er Generalsekretär des Zen tralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht". Peinliche Versprecher oder dezentes Lächeln an der falschen Stelle konnten disziplinarische Untersuchungen zur Folge haben.Aber immerhin nahm die AK für sich in Anspruch, weltweit der zweite TV-Sender zu sein, der Nachrichtensprecherinnen einsetzte. Angelika Unterlauf galt lange Jahre als das Gesicht der "Aktuellen Kamera" schlechthin - sogar in West-Berlin, wo es einen Schlager auf die attraktive Ansagerin gab ("Angelika, Angelika, vom Fernseh'n in der DDR, du erscheinst zum Greifen nah und doch bist du so fern . . . ")Glücksfall oder GefahrenherdPlötzlich wurde die bis dahin so dröge "Aktuelle Kamera" in den Tagen des stürmischen deutschen Herbstes 1989 zur meistgesehenen Sendung im Osten, weil sich ihre Reporter mit Berichten über bisher tabuisierte Themen gegenseitig überboten. Da war es aber auch für das DDR-Fernsehen schon zu spät. Es war auch für das Fernsehen so, "als ob jemand die Fenster aufgestoßen hat", wie es der Schriftsteller Stefan Heym im November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz im Hinblick auf den Einsturz des ganzen Systems ausdrückte. So gesehen war unabhängig von der machtpolitischen Konstellation der Ost-West-Blöcke in den Zeiten der deutschen Teilung die Existenz der weiterhin deutschsprachigen Massenmedien auf beiden Seiten ein Glücksfall oder permanenter Gefahrenherd, je nach Standpunkt. Auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze waren denn auch starke Sendeanlagen positioniert mit jeweils großer Reichweite in den anderen Teil des Landes hinein.Häufig einseitiges InteresseWestliche Magazinsendungen wie "Kennzeichen D", "Kontraste" oder Gerhard Löwenthals im Westen nicht unumstrittenes "ZDF-Magazin" brachten oft ausführliche und kritische Beiträge über Vorgänge in der DDR. Das Interesse blieb aber dennoch recht einseitig: Der Osten interessierte sich weitaus mehr für das Leben im Westen Deutschlands und damit für das Westfernsehen als umgekehrt - sofern das Westfernsehen überhaupt empfangen werden konnte und man nicht im "Tal der Ahnungslosen" im östlichen Sachsen und äußersten Nordosten wohnte und wo ARD für die Abkürzung "Außer Rügen und Dresden" stand.Für die DDR war das Westfernsehen - in den 60er-Jahren meist drei Programme - ein "Pfahl im Fleische" und "mit ein Nagel in ihrem Sarg", darin ist sich der einstige und schließlich aus der DDR rausgeworfene ARD-Korrespondent Lothar Loewe sicher. Dabei will der heute 80-Jährige seine eigene Rolle nicht überbewerten und verweist auf andere West-Kollegen, die in der DDR gearbeitet haben und eine Art "Lückenfüller-Funktion" bei der Nachrichtenversorgung für die DDR-Bevölkerung gespielt hätten, wie Loewe sagt."Wir brachten Dinge ans Tageslicht, die viele Ostdeutschen brennend interessierten, die aber von der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens auf Anweisung der SED verschwiegen wurden", so Loewe. Das sei zum Beispiel bei stockenden Öllieferungen aus der damaligen Sowjetunion so gewesen oder bei oppositionellen Aktionen von Wolf Biermann über Rudolf Bahro und Robert Havemann bis zur Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz im August 1976.Auf der anderen Seite bemühte sich das DDR-Fernsehen, so viel wie möglich Negatives über den "Alltag im Kapitalismus" und die "Verelendung der westdeutschen BRD" zu berichten, wovon sich die DDR-Bewohner liebend gern selbst ein Bild gemacht hätten, wenn sie denn gekonnt hätten. Nicht umsonst wurden die westdeutschen Werbesendungen über die neuesten Produkte der anderen Warenwelt besonders gern gesehen.Spitzenreiter solcher propagandistischen DDR-Bemühungen zur Schwarzmalerei des Westens war die Sendung "Der Schwarze Kanal" von Karl-Eduard von Schnitzler, der von seinen Gegnern auch "Sudel-Ede" genannt wurde und der mit gekonnt zusammengeschnittenen Ausschnitten aus dem Westfernsehen dokumentieren wollte, wie es in der Bundesrepublik "wirklich aussieht" und mit welchen Tricks und Lügen die "Bonner Kriegstreiber" wieder mal arbeiteten. Loewe sieht in dem "blaublütigen DDR-Kommunisten" Schnitzler einen Mann, der sich "selbst völlig ernst genommen hat, bis zum letzten Tag, ein unkorrigierbarer und unaufhörlicher Frontsoldat im Kampf für den Sozialismus", dessen Sendungen in West-Berliner Kneipen abends als Objekt der Belustigung gesehen wurden.Pittiplatsch allseits beliebtAber es gab auch im DDR-Fernsehen - 1969 kam ein zweites Programm hinzu - Sendungen, die sowohl zu den Publikumslieblingen im Osten Deutschlands gehörten als auch in den angrenzenden Westregionen ganz gern gesehen wurden. So fand die östliche Variante von Indianerfilmen mit "DDR-Chefindianer" Gojko Mitic auch ihre Anhänger im Westen. Dazu gehörten auch "Polizeiruf 110", "Ein Kessel Buntes" und Willi Schwabes "Rumpelkammer" mit alten Ufa-Filmen - das Filmlager war nach Kriegsende in Ost-Berlin verblieben. Beliebt waren auch Ratgebersendungen wie "Prisma", die Programme mit der Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel und vor allem auch das Sandmännchen mit Pittiplatsch, Herrn Fuchs und Frau Elster. Die stellten sogar alle westlichen Pendants in den Schatten und wurden von den "westlichen Eltern" bevorzugt, so sie das Programm empfangen konnten.