Washingtons Einwohner haben die Nase voll. "Wir dürfen zwar Steuern zahlen und für unser Land in den Krieg ziehen. Aber sonst sind wir nur Bürger dritter Klasse", bringt es die 41-jährige Sarah Moss auf den Punkt. Was sogar in den USA längst nicht jeder weiß: Die knapp 600 000 Einwohner der Bundeshauptstadt haben nur eingeschränkte Rechte. Sie können zwar - und auch das erst seit den 60er-Jahren - voll berechtigt an der Präsidentenwahl teilnehmen, nicht aber an der Wahl zum gesetzgebenden Kongress.
Machtlos im Machtzentrum der Welt: Seit Jahrzehnten kocht der Ärger über diese Benachteiligung, die auf die Gründerzeiten der USA zurückgeht und nach Ansicht von Bürgerrechtsorganisationen längst jede Grundlage verloren hat. So sehen es auch die Demokraten. Seit ihrer Machtübernahme in beiden Kammern des Kongresses Anfang des Jahres arbeiten sie an einer Gesetzesvorlage, die den Washingtonern erstmals einen gleichberechtigten Sitz zumindest im Abgeordnetenhaus einräumen soll. Bereits zwei gewichtige Kongressausschüsse haben zugestimmt, aber dann kam die kalte Dusche.
Das Weiße Haus verkündete, dass es ein volles Wahlrecht für die Hauptstadtbewohner für verfassungswidrig hält und damit per Veto blockieren könnte. Warum? Die Verfassung besage, dass die Menschen der verschiedenen Bundesstaaten Vertreter in den Kongress wählen dürften, "aber Washington ist kein Staat", erklärte ein Sprecher der Regierungszentrale, Alex Conant.
So müssen die Bürger der Stadt fürchten, dass alles bleibt wie gehabt. Das heißt konkret: Steht jedem der 50 US-Staaten entsprechend seiner Größe die Entsendung mehrerer Abgeordneter und zudem von zwei Senatoren zu, darf Washington überhaupt keine Senatoren wählen und nur einen Abgeordneten, der aber kein Stimmrecht bei Entscheidungen der Kammer hat.
Umgekehrt kann aber der US-Kongress jederzeit Entscheidungen des Stadtrats von Washington außer Kraft setzen, wenn sie ihm nicht passen, und das kommt jedes Jahr vor, wie der "Demokratie-Fonds" sagt. Das ist eine von zahlreichen Organisationen, die für Washingtons volle Rechte kämpft und die Lage der Einwohner für ein himmelschreiendes Unrecht hält.
Bis 1801 war das in Washington anders, aber da gab es in diesem Ort auch noch nicht viel an Struktur und Bevölkerung. Dann wurde hier der Kongress angesiedelt und das Wahlrecht und Recht auf lokale Selbstverwaltung eingeschränkt - mit der Begründung, dass man die nationale Volksvertretung vor übermäßigen örtlichen Einflüssen schützen müsse.
So wurde Washington zu einer Enklave, einem Distrikt, das heißt, einer Art Regierungsbezirk, aber zu keinem Staat, auch nicht einem Stadtstaat mit Rechten etwa wie die von Hamburg.