Regenwasser tropft von den Kalaschnikow-Sturmgewehren.

Landesweit sind 330 000 Sicherheitskräfte im Einsatz, um an diesem nasskalten Wahlsonntag für Ruhe zu sorgen. Das martialisch wirkende Bild gilt auch als Drohkulisse gegen Andersdenkende, die Protestaktionen planen. Bei nicht genehmigten Kundgebungen im Moskauer Zentrum werden zahlreiche Regierungsgegner festgenommen und kompromisslos abgeführt, darunter der Oppositionelle Sergej Udalzow.

Friedlicher geht es am Moskauer Schulzentrum Nr. 2030 zu. „Dobro poschalowat“ (Herzlich willkommen) steht auf der mit zwei kleinen Bären geschmückten Fußmatte vor dem Wahlbüro. Streng nach Straßen geordnet, lassen sich die Wähler an dem tristen Dezembertag registrieren. Hier trägt sich auch der 37-jährige Alexander aus dem Stadtteil Krasnopresnenski in die Liste ein, als Dank gibt es einen Taschenkalender. „So, Bürgerpflicht erfüllt“, sagt er lachend, als er den Wahlzettel ungefaltet einwirft. Alexander stimmt für die moderate Oppositionspartei Gerechtes Russland. Am liebsten würde er die liberale Jabloko-Partei wählen. „Aber die kommen bestimmt nicht in die Duma, da wäre meine Stimme verschenkt.“ Die Regierungspartei Geeintes Russland von Ministerpräsident Wladimir Putin kommt für ihn nicht infrage. „Das sind Gauner und Diebe“, sagt Alexander und zitiert damit ein fast schon geflügeltes Wort in der russischen Gesellschaft.

Die Wahl ist auch in einem nahen Café für eine Gruppe junger Leute das Hauptgesprächsthema. Eine Blitzumfrage ergibt: Sechs Stimmen für Jabloko, zwei für Gerechtes Russland, je eine für die Kommunisten und die Ultranationalisten. Putin hat hier keine Chance. „Ich kenne niemanden, der Geeintes Russland wählt“, behauptet Alexander. „Aber mal sehen, wie viel Prozent sich die Herrscher heute wieder geben.“

Die Rentnerin Irina hat dagegen für die Kremlpartei gestimmt. „Putin bedeutet Stabilität“, sagt die 65-Jährige voller Überzeugung. An einen Machtwechsel in der Duma glaubt kaum ein Russe. „Nichts ändert sich, so geht das schon seit Jahren“, schimpft die Webdesignerin Katja. Aber deswegen auf die Straße gehen und protestieren? „Nein, da bekomme ich nur Scherereien und verliere vielleicht meine Arbeit.“

Vor einem Wahllokal nahe der Metrostation Proletarskaja lockt ein betagtes Gesangsduo zweier Frauen mit russischen Volksliedern etwa über den Baikalsee oder wilde Troikafahrten zur Abstimmung. Die Floristin Galina druckst erst herum. Dann verrät sie aber doch, für Geeintes Russland gestimmt zu haben. „Putin macht etwas für unser Land, nicht wie die Opposition, die nur redet“, sagt die Moskauerin über den Chef von Geeintes Russlandl.

Kremlchef Dmitri Medwedew zeigt sich bei der Abstimmung in Begleitung seiner Frau Swetlana wortkarg. Der Präsident, der als Spitzenkandidat von Geeintes Russland antritt und Regierungschef werden soll, wirft im Wahllokal Nr. 2634 seinen Stimmzettel ein. In einem anderen Wahllokal kommt Putin anders als 2007 ohne seine Frau Ljudmila. „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt Putin nach Angaben des Staatsfernsehens. Kurz vor der Ankunft von Russlands starkem Mann habe die Leitung des Wahllokals schnell einen Lapsus beseitigt, berichteten Medien: Vor dem Gebäude wehte Russlands Staatsflagge zunächst stundenlang falsch herum.