Gänsehautatmosphäre verbreitet sich auf dem Lausitzring, als der Italiener Alex Zanardi am Sonntag um 13.30 Uhr vor 68 000 Zuschauern in sein Auto steigt. Für sieben junge Männer eines Familienclans aus Berlin und Bitterfeld erfüllt sich ein Traum. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Wir grüßen Alex Zanardi.“ Vor zwei Jahren haben sie dessen Horrorunfall hier auf dem Lausitzring erlebt, bei dem der Rennfahrer beide Beine verlor. „Wir mussten unbedingt noch einmal wiederkommen, um Alex zu sehen“, sagt Mario, das Oberhaupt der Gruppe. Den harten Jungs, die selbst sagen, dass sie Rennsport-Verrückte sind, stehen Tränen in den Augen wie vielen auf der voll besetzten Tribüne und den Rängen in den Kurven. Spätestens an diesem Tag ist der sympathische Italiener zum Idol aufgestiegen.
Matthias Platzeck, Brandenburgs Ministerpräsident, ist am Sonntag unter den Rennsportgästen. Auch er findet, „dass Zanardi zum Ring gehört und dass das Auftreten dieses Mannes der Anlage sehr, sehr gut tut“. Platzeck hofft natürlich, dass nach der Insolvenz für drei Gesellschaften des Lausitzringes im vergangenen Jahr die Rennstrecke in eine sichere Zukunft fährt. Immerhin hat das Land 122 Millionen Euro an Fördermitteln investiert, die nicht in den Sand des ehemaligen Tagebaus gesetzt sein sollen. „Dieser Neustart beruht auch auf einem neuem Miteinander zwischen Lausitzring und der Region“, lobt Platzeck in einem Gespräch mit der RUNDSCHAU. Sichtbarer Ausdruck dieses Zusammenrückens sind die Namen von Städten und Amtsgemeinden wie Senftenberg, Schipkau, Spremberg, Hoyerswerda an den Boxen jener Fahrer, für die sie Patenschaften übernommen haben.

Amerikaner loben Strecke
Brandenburgs erster Mann sieht „die Zeichen günstig“ für eine gesicherte Zukunft des Motodroms bei Senftenberg. „Die Amerikaner finden die Strecke einfach traumhaft. Nun müssen wir ihre Begeisterung dafür nutzen, dass vielleicht einer von ihnen als Investor Geld in die Hand nimmt“, meint er.
Christopher Pook, Präsident der Cart-Serie, bestätigt, dass sich der ganze Tross der Fahrer, Mechaniker, Rennstallbesitzer in der Lausitz sehr wohl fühlt. „Wir haben ein gutes Rennen mit einem prima Publikum erlebt“, sagt er zur RUNDSCHAU und macht für die Zukunft Mut. Auf die Frage, ob die ChampCars auch im nächsten Jahr hier fahren werden, meint er: „Wir werden das Rennen auswerten, miteinander reden und dann entscheiden.“

Gerüchte über Investoren
Wer künftig das Motodrom betreibt, darüber kursieren an einem solchen Motorsport-Wochenende natürlich viele Gerüchte. Hartnäckig hält sich der Name des Amerikaners Gerald Forsythe. Er betreibt eine Rennstrecke in Mexiko-City, ist Mitbesitzer eines ChampCar-Teams, in der Formel 1 involviert und zudem größter Einzelaktionär der Cart-Gesellschaft. Hans-Jörg Fischer, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft des Eurospeedway Lausitz, wiegelt allerdings ab, spricht von einer Handvoll Interessenten.
Ob sie das gestrige Spektakel nutzten, um sich vor Ort umzusehen, bleibt ungeklärt. „Ich habe niemanden mit einem Schild ,Ich bin Investor‘ um den Hals gesehen“, flachst Lausitzring-Sprecher Marc-Torsten Lenze. Ansonsten ist er nahezu euphorisch. „Nach der vielen Arbeit mit einem durch die Insolvenz reduzierten Team sind wir sehr zufrieden. Der Ring hat gewonnen und die Region ebenso“, ist er sich sicher.
Das Rennwochenende ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein Volksfest, über das rund 400 Journalisten in alle Welt berichten. Von den 23 VIP-Lounges sind 19 vor allem an Firmen vermietet. Den Service für die besonders wertvollen Gäste hat ein Cottbuser Hotel übernommen und die Hostessen in den Lounges präsentieren die schönsten Gesichter der Region. Aber auch die hübschen jungen Frauen in den Trachten der Sorbinnen erregen Aufmerksamkeit. Besucher aus Bayern, der Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder wo auch immer sie herkommen, lassen sich gern mit ihnen fotografieren.
Die Frauen in der traditionellen Kleidung sind gleichsam regionale Farbtupfer, von denen es nach Ansicht von Professor Jürgen Tauchnitz, Marketing-Experte der Fachhochschule Lausitz, noch immer zu wenige gibt in der bunten Palette auf dem Ring und um ihn herum. Weil der Wissenschaftler „nicht immer nur meckern will“, dass die Region mehr tun müsse mit dem Motorsportareal in ihrem Herzen, setzt er höchstpersönlich auf das wohl typischste Produkt der Gegend, die Spreewaldgurke. Sie hat er als Testobjekt erkoren. Mit der „Get One“, der einzelnen Gurke in einer Dose von der Spreewaldkonserve in Golßen, will er den „Rennsportbesuchern attraktive Anreize geben, ihr Geld hier in der Region zu lassen“, wie er sagt. „Die Überlegenheit einer innovativen Produktidee hat sich deutlich gezeigt“, ist der Gurken verkaufende Professor mit dem Absatz „dieses Trenderzeugnisses und Sou venirs aus der Region“ zufrieden.
Die Gurkenaktion ist nur Teil der Forschungen des Marketing-Professors. Studenten sind an allen drei Tagen unterwegs, um eine Studie weiter zu führen, die nach der ersten Rennsaison begonnen worden war. 1200 Motorsportfans befragen Studierende im Rahmen ihrer Diplomarbeiten, ergründen Plus und Minus der Veranstaltungen. „Eine kontinuierliche Analyse gibt wichtige Hinweise für die weitere Verbesserung unserer Angebote. Der Lausitzring hat eine gute, erfolgreiche Veranstaltung gemacht, attraktive Rennen hierher geholt“, hebt Wissenschaftler Tauchnitz hervor. Nach Meinung der Befragten, so Tauchnitz, müsse sich die Region „noch mehr als Rennsportregion darstellen“, beispielsweise durch Kneipen mit ganz eigenem Flair.
Den Weg haben hiesige Unternehmen durchaus in Angriff genommen. Mit einer Kneipenparty und einem durchgängigen Bus-Pendelverkehr versuchten Gastwirte, die Motorsportfans in die Städte und Gemeinden zu locken. Die Resonanz ist durchwachsen. Jutta Hirring, Inhaberin des Gasthofes Meuro, ist richtig glücklich. „Alle meine Vorstellungen haben sich erfüllt. Seit Dienstag sind wir nicht vor früh um drei ins Bett gekommen, so viel Betrieb hatten wir. Die Anstrengung hat sich gelohnt“, stellt sie fest. Sie bestätigt aber auch die ersten Ergebnisse der Umfrage der Tauchnitz-Studenten: „Es muss noch viel mehr Reklame gemacht werden, alles festlich geschmückt sein“, findet die Gastwirtin.

Auf Geld verzichtet
Genug Potenzial und Motorsport-Verrückte gibt es. Das Safety Course Team mit 290 Mitgliedern hier am Lausitzring ist ein Beispiel. Stundenlang stehen die Frauen und Männer um Vereinschef Tony Rycer an wichtigen Sicherheitspunkten an der Strecke. Keinen Cent nehmen sie dafür. „Bei der finanziellen Lage des Lausitzrings ist das für uns selbstverständlich“, begründet der Chef der Streckenposten. „Dafür sind wir den Fahrern doch ganz nahe“, freut er sich.
Zufrieden ist auch Axel Mentel, Chef der gastronomischen Versorgung auf dem Lausitzring. Rund 300 000 Euro Umsatz an über 60 Versorgungspunkten haben er und seine Subunternehmer gemacht, schätzt er. 250 Arbeitskräfte, vorwiegend Schüler und Studenten, fanden am Wochenende eine willkommene Verdienstmöglichkeit.

Festzelt ohne Gäste
Ein anderer allerdings kann vor Enttäuschung und Wut kaum an sich halten: Sascha Muratovic. Auf der Veranstaltungsfläche neben der Rennstrecke hat er ein Zelt aufgebaut, 2700 Quadratmeter groß mit Platz für 5000 Leute. „Soviel habe ich nicht mal insgesamt an den drei Tagen zusammenbekommen“, klagt der Chef des Ratskellers in Senftenberg. Er fühlt sich von der Leipziger Veranstaltungsagentur verraten, die ihm für die Anmietung des Zeltes im Gegenzug attraktive Veranstaltungen versprochen hatte, die 60 000 Gäste anlocken sollten. „Nichts haben sie eingehalten. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, verbirgt er seinen Frust und seine Existenzangst nicht. 60 000 bis 70 000 Euro nicht gedeckter Kosten befürchtet der Gastwirt.
Eingekehrt bei Sascha Muratovic sind auch die Jungs aus Berlin und Bitterfeld nicht. „Wenn du nicht aufpasst, bist du schnell 200 Euro los“, rechnet Mario vor. Dabei sind die Preise durchaus moderat für eine solche Veranstaltung. Bratwurst um die zwei Euro, das Steak für drei Euro, das Bier 2,50 Euro. „Wir haben die Preise den Gegebenheiten der Region angepasst. Im Vergleich zu anderen Rennstrecken auch im Ausland ist das richtig preiswert“, glaubt Mentel. Die sieben jungen Männer haben sich trotzdem für die Feten auf dem Zeltplatz gut eingedeckt, den sie „ganz in Ordnung“, finden, „sauber, mit Wasser- und Stromanschluss und ohne übermäßige Kontrollen“. Sogar einen ausgebauten Golfmotor haben sie für das besondere Fluidum der abend- und nächtlichen Nachbereitung mitgebracht. „Ist doch geil, wenn der tuckert“, sagen sie.
Dieses Gefühl der Ungezwungenheit begeistert die jungen Männer wie viele Besucher der ChampCar-Veranstaltung. Förmlich in die Motoren und Getriebe hinein kriechen können die Fans in der Boxengasse. Kaum ein Zaun hindert am Zugang. Ein Zipfel des amerikanischen Traums von gelebter Freiheit zeigt sich darin, finden sie. Auch in den Umfragen der Fachhochschule Lausitz widerspiegelt sich dieses Gefühl, sagt Jürgen Tauchnitz. „Die Formel 1 bewerten Fans als viel mehr kommerzialisiert, in der Technologie und Geld den Ausgang des Wettbewerbs bestimmen. In der ChampCar ist der Kampf größer, weil eine größere Chancengleichheit besteht“, fast Tauchnitz erste Umfrageergebnisse zusammen.
Das Herzschlagfinale bei den ChampCars an diesem herrlichen Sonntagnachmittag auf dem Lausitzring bei schönem Wetter, prächtiger Stimmung und hochklassigem Motorrennsport bestätigt diese Eindrücke.