Manch einer stand eine Stunde früher auf, um zu Fuß den weiten Weg ins Büro zu gehen. Glücklich war, wer ganz frei machen konnte. Alle anderen drängten sich auf Bahnhöfen und an Haltestellen, um doch irgendwann einen Bus oder eine Metro zu erwischen. "Schwarzer Dienstag" nannten es die Franzosen. Wieder einmal waren gestern landesweit Streiks und Massendemonstrationen angesagt. Diesmal waren Gewerkschaften, Schüler und Studenten besonders energisch bei der Sache - sie zogen die Daumenschrauben bei Dominique de Villepin noch stärker an, um den unnachgiebigen Premier mit seiner ungeliebten Reform nach Wochen des sozialen Konflikts in die Knie zu zwingen. Wie lange hält er das noch aus?
Frankreich hält den Atem an. Präsident Jacques Chirac entfernt sich wegen der angespannten Krise nicht vom Elysée-Palast. Am Kiosk gibt es keine Zeitungen, auch das öffentliche Radio streikt. Nur wer seine Kinder in einer Privatschule hat, kann sicher sein, dass sie eine offene Tür vorfinden.

Festung gegen Krawallmacher
Derweil hatten 4000 Polizisten Paris zu einer Festung gegen die Krawallmacher ausgebaut. Wenn sich in dem blockierten Sozialkonflikt nicht bald etwas bewegt, dann befürchten viele eine Radikalisierung, ein stärkeres Aufflammen von Gewalt. "Villepin nimmt Frankreich wegen seines Ehrgeizes, Präsident zu werden, als Geisel", flankierte Sozialistensprecher Julien Dray den Aktionstag: "Ein einzelner Mann will dem Land widerstehen, das ist unglaublich."
Alle gegen den störrischen Villepin, so sieht es ein Jahr vor der Präsidentenwahl aus. Zumal auch Villepins Rivale aus dem eigenen Lager, der Innenminister und UMP-Parteichef Nicolas Sarkozy, jetzt immer unverhohlener dem Regierungschef in den Rücken fällt und für Verhandlungen plädiert. "Sozialer Dialog ist wesentliche Bedingung für den Erfolg jeder Reform", rügt Sarkozy den Kontrahenten. Villepin hatte die Arbeitsrechtsreform im Alleingang durchgeboxt.
Sicherlich, fast zwei von drei Franzosen lehnen die Reform ab. Doch das ist nur ein grobes Bild. Immerhin sind drei von vier Wählern der UMP-Regierungspartei - noch - dagegen, dass Villepin einknickt und sich dem Schraubstock der Straße beugt. "Unsere Wähler würden mir das nie verzeihen", hatte der Premierminister vor Tagen erklärt, warum er hart bleiben und allerhöchstens "Anpassungen" anbieten möchte. Falls das Land mit seinen blockierten Schulen und Hochschulen noch mehr ins Chaos abrutscht, dürften auch die Konservativen von ihm abrücken. So dringt die Regierungspartei UMP auf Gespräche mit den Reformgegnern.
"Merci Villepin." Die Linke kann ihm schon einmal danken, auch wenn womöglich mehr Verlierer und Kollateralschäden als wirkliche Sieger zurückbleiben dürften. Die Opposition samt ihrer Wählerschaft ist einig wie lange nicht mehr. Gerade sozialistische Gewerkschaften und Studentenverbände legen - wie Villepin - Kompromisslosigkeit an den Tag. "Die Wahlen sind schon nahe", sagt Pierre Giacometti, Chef des Ipsos-Umfrageinstituts, es gehe strikt nach Lagerzugehörigkeit.

Warnung vor zu viel Nabelschau
"Zu den Besiegten in diesem Konflikt wird eine erschütterte und zerrissene französische Gesellschaft gehören, die bis zu den Wahlen 2007 unausweichlich erstarrt sein wird", ruft das katholische Blatt "La Croix" zur Umkehr auf. Pariser Wirtschaftszeitungen warnen die Franzosen vor noch mehr Nabelschau, während ihnen die Felle in der globalisierten Welt davonschwimmen.