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| 02:38 Uhr

Vier Wochen nach dem Berliner Anschlag: "Wo kann ich helfen?"

Für jedes der Opfer vom Breitscheidplatz ein Licht – bei dem Friedensgebet am Montagabend in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erinnerten zwölf Kerzen an die Toten des Terroranschlags.
Für jedes der Opfer vom Breitscheidplatz ein Licht – bei dem Friedensgebet am Montagabend in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erinnerten zwölf Kerzen an die Toten des Terroranschlags. FOTO: dpa
Berlin. Der Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat viele Menschen erschüttert. Inzwischen sind die meisten wieder in den Alltag zurückgekehrt. Hinterbliebene und Verletzte können das nicht. Die Berliner Gedächtniskirche lud gestern zu einem ökumenischen Friedensgebet ein. Jutta Schütz

Nichts ist mehr wie es war. Auch vier Wochen nach dem Berliner Terroranschlag verharren Familien, Firmen, Freunde in oft sprachloser Trauer. Schwerverletzte wissen nicht, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Selbst Helfer brauchen Hilfe, um die schrecklichen Bilder zu verarbeiten. Bis heute erinnern Blumen und Kerzen an den Abend des 19. Dezember, als ein schwerer Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche raste und elf Menschen starben. Ein weiteres Opfer war der polnische Fahrer des entführten Lasters, der erschossen wurde. Mehrere der mehr als 50 Verletzten werden immer noch auf Intensivstationen in Kliniken betreut.

Der Attentäter Anis Amri wurde auf der Flucht in Italien von Polizisten erschossen. Über den aus Tunesien stammenden Islamisten ist inzwischen vieles bekannt - über die Opfer dagegen weniger.

Viele Hinterbliebene wollten in Ruhe gelassen werden, berichtet der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber nach Gesprächen mit ihnen. Angehörige müssten Erbscheine beantragen, Beerdigungen organisieren und Haushalte auflösen. Auch für etliche Überlebende sei es noch zu früh, aus der schützenden Anonymität herauszukommen. Es sei aber möglich, dass einige mit etwas Abstand über ihr Leid sprechen möchten. So gibt es derzeit nur Puzzleteile zum Schicksal der Opfer.

Da muss sich ein Verletzter eingestehen, keine Kraft zu haben, sich um irgendetwas zu kümmern. Er werde lange nicht arbeiten können, sagt Weber. Die schrecklichen Bilder verfolgten den Mann, er habe neben zwei Toten gelegen. In Brandenburg wird ein 32-Jähriger zu Grabe getragen, der auf dem Weihnachtsmarkt eine bestandene Prüfung feiern wollte. Der Pfarrer spricht von "unendlicher Traurigkeit" über den Tod des angesehenen ehrenamtlichen Feuerwehrmanns, wie die in Potsdam erscheinende "Märkische Allgemeine" schreibt.

In einem Berliner Unternehmen wiederum herrscht nach außen absolutes Schweigen. Hier sollen mehrere Angestellte unter den Opfern sein, darunter zwei Tote. Eine große Bank schaltet eine Traueranzeige für eine Kollegin, die eine "außerordentlich große Wertschätzung" genoss. Ihre "hohe fachliche und menschliche Kompetenz" bleibe in dankbarer Erinnerung.

Nach dem Anschlag äußerten Politiker Worte des Mitgefühls und schon einen Tag später gab es eine Andacht mit vielen Prominenten in der Gedächtniskirche - Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Spitze. Vielleicht ist dies aber nur unzureichend als Gedenken im öffentlichen Bewusstsein angekommen, weil viele noch unter Schock standen, wie jetzt zu hören ist. Und so mehren sich die Stimmen, die einen Staatsakt für die Opfer fordern. Aus Sicht des Opferbeauftragten ist die Anteilnahme vieler Menschen "größer als sie scheint". "Es ist neu, dass sich jetzt Bürger bei mir melden und fragen: Was kann ich tun, wo kann ich mich einbringen und helfen?"

Hilfe tut weiter not. "Viele Betroffene sind hoch traumatisiert und in einer sehr kritischen Lebensphase", sagt Gisela Raimund von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. "Wir leisten menschlichen Beistand. Das kann über Jahre gehen." Auch die Trauma-Ambulanz der Charité, der Sozialverband VdK, die AG City oder die Opferhilfe Berlin engagieren sich.

Fühlen sich Betroffene trotzdem alleingelassen? Eine Frau, deren Lebensgefährte seit dem Anschlag um sein Leben kämpft, sagt dem "Tagesspiegel": "Ich finde die mangelnde Beachtung vonseiten des Staates traurig und unwürdig." Doch was ist würdig - Staatsakt, dauerhafter Gedenkort, praktische Hilfe?

Erste Spendengelder wurden verteilt. Angelaufen sind auch Zahlungen vom Bund." In der Berliner Gedächtniskirche tragen sich bis heute Menschen in das Kondolenzbuch ein.