| 07:11 Uhr

Vier Stunden im Zug - das Protokoll einer Pannenfahrt

Leserfoto aus dem dunklen Zug der S4 am 22.10.
Leserfoto aus dem dunklen Zug der S4 am 22.10. FOTO: Karsten Kittler
Vier Stunden im kalten, dunklen Zug – dieses Erlebnis musste RUNDSCHAU-Leser Karsten Kittler am Wochenende über sich ergehen lassen. Für die RUNDSCHAU stellt er den Fall noch einmal im Protokoll nach. Ein Erlebnisbericht:

Es sollte eine entspannte Fahrt nach Hannover werden.

Dazu fuhr ich am 22.10.2016 mit der S4, welche ca. mit 80 Personen besetzt war, nach Leipzig um von dort mit einem IC weiterzufahren. Gegen 17.58 Uhr stoppte die Bahn (S4) kurz vor dem Bahnhof Nord in Leipzig und blieb auf der Bahnstrecke in einem Tunnel stehen. Das Licht wurde auf eine geringe Beleuchtungsstärke - wie später erfahren aufgrund des Batteriebetriebes - heruntergeschaltet. Lüftung und Heizung waren aus. Nach einiger Zeit wurde durchgesagt, dass es aufgrund technischer Probleme zu einer Verspätung von 30 bis 45 Minuten kommt.

Nach einer Stunde eingesperrt im Zug: Einige Personen rauchten. Die Luft wurde stickig. Ich betätigte die Notrufsprechstelle im Zug. Es ging niemand ran. Nach ca. 10 Minuten betätigte ich erneut die Notrufsprechstelle. Diesmal reagierte - vermutlich der Lokführer - auf den Ruf, mit der Information, dass eine andere Lok gleich kommt. Desweiteren habe ich aufgrund der stickigen Luft gebeten, die Lüftung anzuschalten. Dies wurde abgelehnt, da der Zug auf Akkubetrieb laufen würde. Jedoch versprach der Lokführer zu kommen, um die Fenster aufzuschließen. Dies erfolgte jedoch nicht. Die Luft wurde immer schlechter und es wurde kalt.

Gegen 19.55 Uhr betätigte ich erneut den Notrufknopf im Zug. Es nahm niemand ab.

Nach 2 Stunden eingesperrt im Zug: Gegen 19.57 Uhr wählte ich den Polizeinotruf (110). Nach einer Warteschleife wurde das Telefonat angenommern. Nachdem ich der Polizei die Lage schilderte und mitteilte, dass die Zuginsassen bereits seit 2 Stunden in der Bahn eingesperrt sind, teilte er nur mit, dass die Polizei nicht zuständig sei und sich die Bahn darum kümmern müsse. Auch der Hinweis, dass die Bahnmitarbeiter nicht reagieren nützte nichts.

Um 20.10 Uhr wählte ich die über Internet gesuchte Hotline der Bundespolizei. Hier nahm trotz lange klingeln niemand ab. Andere Passagiere betätigten ebenfalls denn Zugnotruf, ohne dass jemand reagierte. Zumindest eine weitere Person wählte auch telefonisch den Notruf.

Die Luftsituation verschlechterte sich noch weiter. Ein Fahrgast war zufällig Bahnmitarbeiter und hatte einen Schlüssel, womit er die Fenster öffnete. Dadurch war das Problem mit der schlechten Luft gelöst. Aufgrund der Außentemperaturen wurde es aber auch kälter.

Überraschenderweise rief um 20.18 Uhr die Polizei zurück, und sagte, dass die Bundespolizei verständigt wurde. Fast zeitgleich betraten mehrere Polizisten der Bundespolizei den Zug liefen durch und gingen wieder.

Nach einiger Zeit, gegen 20.30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr bis zum Bahnhof Leipzig Nord. Hier wollten Fahrgäste aussteigen. Die Türen öffneten jedoch nicht. Ein Mitarbeiter der Bahn lief auf dem Bahnsteig. Der Zug blieb einige Minuten im Bahnhof stehen. Ein Fahrgast kam durch und leitete Informationen weiter, da die Sprechanlage mittlerweile auch ausgefallen sei: Aufgrund des geringen Batteriestandes des Zuges lassen sich die Türen nicht mehr öffnen. Die Fahrgäste wurden gebeten, obwohl der Zug im Bahnhof Nord stand und ein Ausstieg aus dem Zug gefahrlos möglich gewesen wäre, die Notentriegelung der Türen nicht auszulösen, da dies im Anschluss zu höherem Aufwand bei der Bahn führen würde. Die Fahrgäste sollten im Zug bleiben, der bis zum Hauptbahnhof Leipzig geschleppt würde und dort sollten die Fahrgäste hintereinander über das Führerhaus herausklettern.

Der Zug verließ den Bahnhof Nord und stoppte nach kurzer Zeit wieder. Gegen 20:47 Blackout auf freier Strecke. Der Strom fiel komplett aus, alles war Stockdunkel. Einige Fahrgäste behalfen sich mit ihrem Handylicht. Der Zugnotruf funktionierte nun auch nicht mehr, selbst wenn, wäre vermutlich keiner rangegangen. Mehrere Personen rauchten im Zug. Es war kalt.

Nach 3 Stunden eingesperrt im Zug: Die Notdurft wurde nun im Fahrgastraum von einer Frau verrichtet. Die Fahrgäste machten sich gegenseitig auf die Exkrimente aufmerksam, um nicht hereinzutreten.

Einige Fahrgäste entriegelten die Tür, sprangen auf die Gleise und versuchten zu Fuß einen Ausweg zu finden. Ich vermute, dass dies gelungen ist, da sie nicht zurückkamen.

Nachdem es nicht weiter ging, rief ich erneut den Polizeinotruf (110) gegen 21.08 Uhr an und schilderte die katastrophale Situation. Der Gesprächspartner beim Polizeinotruf nahm den Sachverhalt auf und wollte die Bundespolizei hierüber informieren.

Ein Bahnmitarbeiter lief mit Taschenlampe durch den dunklen Zug. Auf die Frage, wann der Zug weiter fährt, kam die Antwort "Dann wenn es weiter geht". Nach dieser Antwort wurden einige Fahrgäste verständlicherweise ebenfalls verbal aggressiv. Der Bahnmitarbeiter wurde aufgefordert die rauchenden Fahrgäste anzusprechen, das Rauchen einzustellen. Antwort: "Da kann ich auch nichts machen".

Um 21.13 Uhr rief ich den Feuerwehrnotruf (112), teilte die Situation mit und bat aufgrund des kalten Zuges um die Lieferung von Decken und heißen Getränken. Der Mitarbeiter nahm den Vorgang sorgfältig auf und wollte die Bundespolizei informieren. Weiter passierte nichts.

Gegen 21.30 kamen mehrere Polizisten in den Zug. Durch die Taschenlampen der Polizei war nun wenigstens neben einigen Handys etwas Licht im Zug. Der Einsatzleiter klärte die Insassen auf, dass es gleich weiter geht und die Polizei nun auch im Zug bleibt.

Gegen 21.43 Uhr kam der Zug im Hauptbahnhof Leipzig an. Die normalen Türen wurden geöffnet und der Albtraum hatte ein Ende. Gab es dann wenigstens auf dem Bahnsteig Unterstützung durch die Bahn (heiße Getränke, eine Entschuldigung o.ä.)? Fehlanzeige.

Die Fahrt nach Hannover musste ich abbrechen, da kein Anschlusszug mehr fuhr. Auch zu meinem Wohnort zurück fuhr kein Zug mehr, sodass ich um nicht um auf dem Bahnhof Leipzig festzusitzen mit der Bahn nach Dresden fuhr und dort privat die Nacht verbrachte.

Offensichtliche Evakuierungsmöglichkeiten am Bahnhof Nord in Leipzig wurden mit Vorsatz nicht genutzt. Der anschließende Blackout war vorhersehbar, da die Energie nicht mal mehr zum Öffnen einer Tür reichte.

Ich finde es mehr als peinlich, dass mitten in Leipzig es weder die Bahn noch andere hilfeleistende Stellen erreicht haben, den Zug in angemessener Zeit zu evakuieren. Wären die Bahnmitarbeiter um das Wohlergehen ihrer Fahrgäste so engagiert wie beim Streiken im letzten Jahr gewesen, wären die eingesperrten ca. 80 Fahrgäste sicherlich erheblich eher befreit worden.

So dauerte die Odyssee fast vier Stunden.