Welche Missstände wurden festgestellt?

Eine von Ärztekammer, Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen beauftragte Kommission hat das Geschehen bei den 2303 Lebertransplantationen in den Jahren 2010 und 2011 untersucht. Alle 24 Zentren wurden unangemeldet aufgesucht, Akten gesichtet und Ärzte befragt. Die gute Nachricht: 20 Zentren hatten sich überhaupt keine oder nur minimale Regelverstöße geleistet. Massive, teilweise sogar systematische Unregelmäßigkeiten gab es hingegen neben Göttingen auch in Leipzig, München (Klinikum rechts der Isar) und Münster. Diese schwarzen Schafe waren zum Teil schon bekannt, jetzt gibt es genaue Zahlen: Von 548 geprüften Fällen wurden hier bei 218 Patienten mehr oder weniger krasse Unregelmäßigkeiten festgestellt. Jeder Missbrauchsfall ist in dem gestern veröffentlichten Bericht dokumentiert, wobei Namen geschwärzt sind. Meist wurden von den Ärzten gegenüber der Agentur Eurotransplant, die die Spenderlebern zuteilt, überhöhte Laborwerte oder fälschlicherweise eine Dialysenotwendigkeit mitgeteilt. So rutschten diese Fälle auf der Dringlichkeits-Warteliste nach oben. Als Nächstes will die Kommission nun auch mögliche Manipulationen bei anderen Organen untersuchen.

Warum wird überhaupt manipuliert?

Laut der Untersuchung nicht zur persönlichen Bereicherung. Selbst im Göttinger Fall, wo der betreffende Arzt derzeit vor Gericht steht, wird dieser Vorwurf nicht erhoben. Auch konnte die Kommission nicht feststellen, dass reiche Ausländer überproportional häufig behandelt wurden, wie oft gemunkelt wird. Als Motiv nehmen die Prüfer vielmehr Konkurrenzdruck an. Laut dem Spitzenverband der Krankenkassen gibt es einfach zu viele Transplantationszentren. Viele liegen unterhalb der geforderten Mindestzahl jährlicher Operationen. Die Kassen fordern daher die Schließung einiger Einrichtungen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) teilt das in der Sache, verweist jedoch darauf, dass darüber die Länder entscheiden. Ein weiteres Motiv für Manipulationen ist auch schlicht Ehrgeiz. Die Organverpflanzung ist so etwas wie die Königsdisziplin der Medizin. Emotionen spielen ebenfalls eine Rolle. Manche Ärzte wollen "ihren" Patienten besonders helfen.

Wie groß ist die Manipulationsgefahr heute?

Manipulationen sind jetzt an sich strafbar, unabhängig davon, ob jemand zu Schaden kommt oder nicht. Außerdem gilt ein Mehraugenprinzip bei der Aufnahme eines Patienten auf die Warteliste und bei seiner weiteren Behandlung. Neben der unabhängigen Prüfkommission gibt es auch noch eine Vertrauensstelle, bei der Ärzte oder Patienten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten abgeben können, auch anonym. Zehn solcher Anzeigen gingen seit Mitte 2012 dort ein und wurden entweder an die Staatsanwaltschaften oder an die Prüfkommission weitergeleitet. In Deutschland gelten jetzt die strengsten und sichersten Regeln von allen Staaten, sagte Bahr. Die Organspende sei absolut vertrauenswürdig. Sein Gegenspieler im Wahlkampf, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, erkannte die Fortschritte an, forderte aber zusätzlich noch die Berufung eines Organspende-Beauftragten des Bundestags.

Steigt die Organspendebereitschaft jetzt wieder?

Wohl nicht so schnell. 1046 Personen spendeten im letzten Jahr Organe, 12,8 Prozent weniger als im Jahr davor. Aktuell läuft eine Werbekampagne für den Organspendeausweis. "Das trägt man heute", verkünden da Olympiasieger Matthias Steiner oder Tatort-Kommissar Klaus J. Behrendt. Schätzungsweise 12 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ, oft jahrelang. Drei sterben täglich, weil die Hilfe für sie zu spät kommt.