| 06:29 Uhr

Vier endlose Stunden gefangen im dunklen Zug

Leserfoto aus dem dunklen Zug der S4 am 22.10.
Leserfoto aus dem dunklen Zug der S4 am 22.10. FOTO: Karsten Kittler
Bad Liebenwerda. Beinahe vier Stunden länger als geplant hat ein Lausitzer in einem Zug nach Leipzig verbracht. Was er erlebt hat, gehört unbedingt in die Kategorie „Pleiten, Pech und Pannen“. Die Deutsche Bahn kündigt Konsequenzen an. Bodo Baumert

Es sollte eine entspannte Zugfahrt von Bad Liebenwerda nach Hannover werden. Doch dort kommt Karsten Kittler aus dem Elbe-Elster-Kreis nie an. Seine Reise endet am Samstag in Leipzig - nach einer vierstündigen Wartezeit mit rund 80 anderen Reisenden im dunklen, kalten und verrauchten Waggon der S4.

"Gegen 17.58 Uhr stoppte die Bahn und blieb in einem Tunnel stehen", berichtet Karsten Kittler. Licht, Lüftung und Heizung werden ausgeschaltet. Per Durchsage wird eine Verspätung von 30?bis 45 Minuten angekündigt.

Am Ende werden es vier Stunden, in denen Kittler so ziemlich alles erlebt, was Bahnreisende auf die Palme bringt: ein Notrufsystem, an dem erst keiner reagiert und das dann komplett ausfällt, Bahnpersonal, das keine Infos geben kann, ein Waggon, in dem geraucht wird, der sich aber weder über die Fenster noch die Klimaanlage entlüften lässt. Und dann versagen auch noch die Toiletten, und eine Reisende muss ihre Notdurft im Zug verrichten.

Gegen 20.30 Uhr scheint Rettung in Sicht. Der Zug fährt bis zum Bahnhof Leipzig Nord. Dort wollen Fahrgäste aussteigen. Wegen leerer Batterien aber lassen sich die Türen nicht öffnen. Per Mund zu Mund-Propaganda werden sie von vorne informiert, dass sie nicht aussteigen sollen. "Die Fahrgäste wurden gebeten, obwohl der Zug im Bahnhof Nord stand und ein Ausstieg aus dem Zug gefahrlos möglich gewesen wäre, die Notentriegelung der Türen nicht auszulösen, da dies im Anschluss zu höherem Aufwand bei der Bahn führen würde. Die Fahrgäste sollten im Zug bleiben, der bis zum Hauptbahnhof Leipzig geschleppt würde und dort sollten die Fahrgäste hintereinander über das Führerhaus herausklettern", berichtet Karsten Kittler.

Der Zug fährt weiter. Dann bleibt er liegen. Blackout. "Der Strom fiel komplett aus, alles war Stockdunkel. Einige Fahrgäste behalfen sich mit ihrem Handylicht. Der Zugnotruf funktionierte nun auch nicht mehr, selbst wenn, wäre vermutlich keiner rangegangen. Mehrere Personen rauchten im Zug. Es war kalt", so Karsten Kittlers Erinnerung.

"Die betroffene S-Bahn ist zwischen Leipzig-Thekla und Leipzig Nord in einem stromlosen Abschnitt liegengeblieben. Im Havariekonzept ist vorgesehen, dass ein weiterer S-Bahn-Zug den liegengebliebenen abschleppt und mit Energie versorgt. So wurde auch ein zweiter Zug losgeschickt, konnte aber den Havaristen nicht erreichen, ohne selbst in den stromlosen Abschnitt einzufahren", erläutert die Pressestelle der Deutschen Bahn auf Nachfrage am Mittwoch. Eine Evakuierung der Reisenden sei wegen der "baulichen und topographischen Bedingungen auf der freien Strecke" nicht möglich gewesen. "So musste eine Diesellok angefordert werden, um den havarierten Zug in Richtung Leipzig Hbf abzuschleppen. Zwischenzeitlich ist im stromlosen Zug auch die batteriegespeiste Energieversorgung zusammengebrochen. Die Diesellok ist bauartbedingt mit der Energieversorgung der S-Bahn nicht kompatibel", so die Erklärung der Bahn.

Erst um 21.43 Uhr rollt der Zug in den Hauptbahnhof ein. "Gab es dann wenigstens auf dem Bahnsteig Unterstützung durch die Bahn (heiße Getränke, eine Entschuldigung o.ä.)? Fehlanzeige", beklagt Kittler.

Die Deutsche Bahn bestätigt den Fall auf Nachfrage: "Wir bedauern das außerordentlich und müssen eingestehen, dass die Bergung des liegen gebliebenen Zuges und die Evakuierung der Reisenden sehr unglücklich gelaufen sind." Man wolle die Ereignisse zum Anlass nehmen, "das Evakuierungs- und Abschleppkonzept zu überarbeiten", teilt die Bahn am Mittwoch mit.