Seit 1987 untersucht der Wissenschaftler Peter Förster die Einstellungen einer Gruppe von Jugendlichen, die zu Beginn fast 1300 Befragte aus den damaligen Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt umfasste. Im August 2005 beantworteten ihm noch 390 davon seinen 19. Fragebogen. Repräsentativ sind diese Daten daher nicht, aber sie treffen sehr wohl bemerkenswerte Aussagen über das Lebensgefühl der heute 32-Jährigen aus Sachsen.

Nur wenige wollen zurück
Das Ergebnis der jüngsten Befragung lässt sich kurz gefasst beschreiben als die Verstetigung der Distanz zum politischen System der Bundesrepublik. Es fällt dabei auf, dass die Distanz bei jungen Frauen wesentlich größer geworden ist. Nur 13 Prozent zeigen sich in dieser Hinsicht „sehr zufrieden“ oder „stark zufrieden“ . Bei Männern sind es 32 Prozent. Andererseits sieht die große Mehrheit der jungen Menschen auch keine Alternative zur heutigen Gesellschaft. Ein Zurück zum System der DDR, in dem sie ihre Kindheit verbracht haben, kommt nur für etwa 25 Prozent infrage.
Was die Wissenschaftler mit ihren Zahlenreihen entschlüsseln, ist ein großes Maß an sozialer Heimatlosigkeit und politischer Ungebundenheit. Daraus wiederum entwickelt sich ein wenig optimistischer Blick in die Zukunft. Dies war in den Jahren unmittelbar nach dem Ende der DDR anders. Erst in den letzten beiden Jahren des vergangenen Jahrhunderts fassten die Befragten wieder mehr Zuversicht. Seit 2002 aber hat sich die Distanz zum politischen System erneut verstärkt. Interessant ist, dass damit trotz der generellen Ablehnung der DDR wesentliche ideologische Versatzstücke des untergegangenen Staates wieder stärker aufgegriffen werden. 80 Prozent halten die BRD für einen Staat, der von großen Konzernen beherrscht und vom Klassenkampf bestimmt wird.
Das allerdings beschönigt den Blick zurück wiederum auch nicht. Der Anteil derer, die die DDR auch heute noch als "lebenslangen Knast" beschreiben, liegt unverändert bei gut einem Drittel und seit 1998 konstant über der Zahl derer, die diese Bezeichnung der gesellschaftlichen Ordnung der eigenen Kindheit als Gefängnis ablehnen. Und die jungen Menschen haben sehr ausgeprägte Ansichten über die Vor- und Nachteile der beiden Systeme. Die Möglichkeiten der Selbstentfaltung und die persönlichen Freiheiten sind heute wesentlich größer. Auch werde die Menschenwürde in der Bundesrepublik eher geachtet. Beim Gesundheitswesen schneiden DDR und BRD in etwa gleich ab. Soziale Sicherheit, Kinderbetreuung, Familienpolitik, Schulbildung und Verbrechensbekämpfung aber scheinen den 32-Jährigen in der DDR besser gewesen zu sein.

Methodische Schwächen
Die Studie, die sich inzwischen über bald zwei Jahrzehnte erstreckt, wird heute von der Rosa-Luxemburg-Stiftung der PDS finanziert. Und sie ist in ihren Ergebnissen sicher so manche Bestätigung für wesentliche Aussagen dieser Partei über die aus ihrer Sicht großen Fehler der Bundesregierungen dieser Zeitspanne. Dies führt fast zwangsläufig dazu, dass die von den beteiligten Wissenschaftlern auch benannten methodischen Schwächen in den Hintergrund gedrängt werden. Andererseits ist die Studie aussagekräftig genug, um sie nicht als reine Parteipropaganda abzutun.
Soweit sie in nachvollziehbarem Ausmaß das gesellschaftliche Bewusstsein der Generation wiedergibt, die wie keine zweite durch den Untergang der DDR geprägt wurde, widerspricht sie in Teilen der These, dass DDR-Nostalgie eine vorübergehende Erscheinung sei und mit den Jahren die vollständige Integration des Ostens auch mental gelinge. Was vielmehr anzutreffen ist, ist ein wider sprüch licher Blick zurück und wenig Hoffnung auf eine deutliche Verbesserung der Situation in den neuen Ländern.