Im Baladijat-Viertel in Bagdad hängen an einem Haus schwarze Tücher mit den Namen von Verstorbenen. "Vor zwei Tagen klopften morgens um sechs Uhr bewaffnete Männer bei unseren Nachbarn an die Tür. Dann sind sie rein und haben die Familie erschossen", erzählt ein Student. Wer die Täter waren, weiß er nicht. Er glaubt, der Nachbar habe während der Saddam-Ära Menschen denunziert, die sich nun gerächt hätten.
Auch der irakische Maler Salam Abed, der als "Hof-Maler" des Präsidenten bekannt war, fühlt sich nicht sicher. Anfang der Woche wagte er sich erstmals wieder zu seinem Geschäft im Battawin-Viertel.

Wandgemälde für Saddam
Mehr als 350 große Wandgemälde von Saddam Hussein habe er in den vergangenen 25 Jahren gemalt, sagt er. "Nein, ich habe keine Angst, dass ich jetzt deswegen Ärger bekomme", erklärt er. Doch die nervösen Blicke, mit denen er sich immer wieder umsieht, sagen etwas anderes. "Ich habe keine Verbrechen begangen und deshalb bin ich mit meiner Familie auch die ganze Zeit in Bagdad geblieben", beteuert Abed. "Alle unsere Nachbarn haben Matratzen ins Auto gepackt und sind verschwunden, nur wir haben ausgeharrt, denn der Tod kommt von Gott und jedem ist sein Ende vorbestimmt." Chalil el Zahawi, ein Kalligraph, dessen Geschäft nur drei Häuser neben dem Laden von Abed liegt, ist erstaunt, dass sich der Saddam-Porträtmaler zurück ins Geschäft wagt. "Ich habe gedacht, der hat das Land verlassen und kommt nie wieder", sagt er.

Unmut über alte Kader
Dass es im Irak noch immer viele offene Rechnungen gibt, zeigt sich auch in der Politik. Vor allem die Gebäude der beiden großen Kurdenparteien werden streng bewacht. Politische Morde haben im Irak Tradition. Saddam Hussein hatte direkt nach seinem Amtsantritt als Präsident 1979 mehrere Dutzend hochrangige Mitglieder der Baath-Partei hinrichten lassen.
"Ich warte ab, bis die ersten Politiker erschossen sind, und schließe mich dann erst einer Partei an", sagt ein älterer Beamter. "Was der Irak braucht, ist eine Versöhnungskommission wie in Südafrika, denn wir können nicht alles was war unter den Teppich kehren", meint Hoschiar Zebari, Sprecher der Kurdischen Demokratischen Partei. Schon regt sich im Irak der erste Protest dagegen, dass ehemalige Mitglieder der Baath-Partei von den Amerikanern wieder mit Führungsaufgaben in den Ministerien betraut werden. Auch mit der Wiedereinstellung der Polizisten sind viele nicht einverstanden. "Wir kennen sie alle und werden sie verjagen", erklärt eine Gruppe aufgebrachter Männer in einer kleinen Stadt nördlich von Bagdad. Die Männer wollen nur noch abwarten, bis die Amerikaner das Land verlassen haben.