Vor Sigmar Gabriel liegen zwei Oberhemden, eingeschweißt in Plastikfolie. Eins ist hellrosa, das andere blau-weiß gepunktet: "Das zieh' ich besser nicht an", meint der Wirtschaftsminister zu Van-Laak-Inhaber Christian von Daniels, der ihm seine Hemdenfabrik vor den Toren von Hanoi zeigt. Gabriel ist gerade mit großem Manager-Tross auf Vietnam-Reise - weit weg von der Berliner Koalition und der eigenen SPD-Linken, die ihrem Vorsitzenden das Leben wieder mal ein bisschen schwer macht.

Von außen sieht die Fabrik eher wie ein Hotel im Kolonialstil aus. Schneeweiße Wände, viel Holz, blitzblanker Boden. "Das ist nicht so ne typische asiatische Klamottenklitsche, wie sie sich das vielleicht vorgestellt haben", sagt Daniels.

Plötzlich hört Gabriel lautes Kinderlachen. "Wir haben eine Menge Kinder im Werk - aber nicht bei der Arbeit", erklärt ihm der Hausherr. Nach Angaben von Menschenrechtlern und Behörden gehört zur dunkelsten Seite der westlichen Mode-Glitzerwelt, dass in vielen Textilfabriken Südostasiens unverändert unhaltbare Zustände herrschen, mitunter Kinder stundenlang an Nähmaschinen sitzen müssen und systematisch ausgebeutet werden.

Bei van Laak kommt das Gelächter aus der Kita. Die gehört zum Paket an Sozialleistungen und Lohnaufschlägen, die der Mittelständler aus Mönchengladbach seinen 500 vietnamesischen Näherinnen bietet. Gabriel hat den Kindern einen Beutel voller Süßigkeiten mitgebracht. Die Erzieherinnen sollen aber nicht alles auf einmal verteilen: "Meine Frau ist Zahnärztin, da krieg ich Ärger."

Die besseren Arbeitsbedingungen kosten van Laak 1,1 Millionen Euro im Jahr - oder anders gerechnet: der Kindergarten macht pro Hemd 2 Cent extra aus. Das kostenlose Mittagessen: 4 Cent. Die Bezahlung über Tarif: 76 Cent. Die Klimaanlage im Produktionssaal, wo die Mütter der Kita-Kinder von Montag bis Samstag acht Stunden arbeiten, Hemden und Blusen sowie täglich 1000 Pyjamas für First-Class-Passagiere der Lufthansa nähen, schlägt mit 6 Cent zu Buche.

Ein van Laak-Hemd geht in einem deutschen Geschäft für regulär 139 Euro über die Ladentheke. Daniels, der 2002 die Firma vom Niederrhein kaufte, weltweit stark expandierte und nun jährlich zweistellige Umsatzrenditen erwirtschaftet, kann sich die Extras leisten. Er mache das auch nicht aus reiner Nächstenliebe. Die Näherinnen sind weniger krank, machen weniger Fehler (was teuren Stoff aus Italien spart), bleiben bis zu zehn Jahre in der Firma.

Mode-Ketten, die nach verheerenden Unfällen und Bränden in Bangladesch weltweit unter Druck gerieten und ihre Lohnfertigungen überprüften, müssten sich bewegen, fordert Daniels: "Der Verbraucher hat nicht Schuld. Die Hersteller sind in der Pflicht." Noch nutzten die Billigheimer der Branche das Lohngefälle in Schwellen- und Entwicklungsländern "brutal" aus. Absehbar fahre dieses Geschäftsmodell aber "gegen die Wand", glaubt er. Die Näherinnen in Asien würden trotz staatlicher Unterdrückung Mini-Löhne auf Dauer nicht mehr klaglos hinnehmen.

Gabriel sieht das differenzierter: "Zur Wahrheit gehört natürlich auch, gerade im Textilsektor, dass wir in Deutschland bereit sein müssen, nicht nur auf den Preis zu gucken, sondern vielleicht auch mal zu gucken, wo ein Produkt herkommt und unter welchen Bedingungen es hergestellt wird." Die Schnäppchen-Mentalität habe eine Kehrseite: "Die Überschrift 'Geiz ist geil' führt bei den Ländern, die sich nach sowas richten müssen, zu bitterer Armut und manchmal auch zu Menschenschinderei."

Die deutsche Wirtschaft, die mehr Geld im aufstrebenden Vietnam investieren will, weil dort die Löhne niedriger als in China sind und man auch vom geplanten Freihandelsabkommen TPP der USA mit Südostasien profitieren kann, solle sich ein Beispiel an van Laak nehmen, meint der SPD-Chef. Auf den Staat brauche in Vietnam keiner zu warten - weil die herrschenden Kommunisten keine freien Gewerkschaften zulassen. "Umso wichtiger ist es, dass deutsche Unternehmen zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung für Mitarbeiter keine Gegensätze sind."