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Viel Spargel dank Spezialisierung – aber die Kosten steigen

Mit der geernteten Spargelmenge sind die Bauern zufrieden, aber der sinkende Preis macht einigen zu schaffen.
Mit der geernteten Spargelmenge sind die Bauern zufrieden, aber der sinkende Preis macht einigen zu schaffen. FOTO: dpa
Kirchdorf/Hoya. Vor 30 Jahren war das Edelgemüse in Deutschland ein Zuverdienst für kleinere Betriebe, inzwischen hat sich das geändert. Elmar Stephan

Durch Zufall stieg Heinrich Thiermann in den 1970er-Jahren in den Spargelanbau ein: Der Landwirt im niedersächsischen Kirchdorf übernahm damals eine drei Hektar große Anbaufläche. Mit dem Edelgemüse fuhr er nach Bremen zum Großmarkt, Hausfrauen arbeiteten im Betrieb mit. Heute erntet der Betrieb in Niedersachsen auf 500 Hektar Spargel und beschäftigt in der Spitze um die 1500 Arbeitskräfte. Weitere Standorte des Unternehmens sind in Brandenburg. Der Betrieb ist hoch spezialisiert. "Entweder geht man mit der Zeit oder du gehst mit der Zeit", sagt der Unternehmenschef.

Betriebe, die früher hinter dem Haus einen Hektar Fläche bewirtschaftet haben, gibt es fast nicht mehr. "Die Spargelbetriebe haben sich meistens zu größeren Sonderkulturbetrieben gemausert, die mit Folgeprodukten wie Erdbeeren oder Heidelbeeren ihre Saison verlängern", sagt Nils Kraushaar, Fachberater bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Die Gründe seien meist wirtschaftliche, erklärt Walter Dirksmeyer vom Thünen-Institut in Braunschweig. Erst ab einer bestimmten Größe lohnen sich Spezialmaschinen. Betriebe, die sie einsetzen können, stehen besser da als die, die das nicht können. Allerdings wächst mit der Größe auch der Aufwand: Hunderte von Erntehelfern müssen eingesetzt werden, sie müssen untergebracht und zu den Feldern gebracht und wieder zurückgeholt werden. "Das ist logistisch aufwendig, und man braucht entsprechendes Know-how", sagt Dirksmeyer.

Die Spezialisierung führt zu Wachstum: 2016 wurden in Deutschland gut 120 000 Tonnen Spargel geerntet - ein Rekordwert. Die Deutschen lieben ihren regional angebauten weißen Spargel. In den vergangenen 15 Jahren stieg die Erntemenge durchschnittlich um vier Prozent pro Jahr. Erste Prognosen gehen auch für dieses Jahr von einem leichten Wachstum bei der geernteten Menge aus.

Im Moment stehen die Zeichen noch auf Wachstum. Aber könnte es nicht sein, dass sich die Verbraucher irgendwann am Spargel sattgegessen haben? "Das Risiko ist da", sagt Agrarökonom Dirksmeyer. Aber Spargel erlebe seit Jahren Zuwächse. "Irgendwann wird man sicher ein Plateau erreichen, wo die Nachfrage nach deutschem Spargel annähernd gesättigt ist." Dann werde es sicherlich zu einer Marktbereinigung kommen. "Das scheint mir im Moment noch nicht der Fall zu sein", sagt Dirksmeyer.

Praktiker wie der Geschäftsführer der Vereinigung der Spargelanbauer in Niedersachsen, Fred Eickhorst, sehen auch keinen Generationenbruch bei den Spargelkonsumenten. Vor einigen Jahren noch habe er befürchtet, die jüngeren Kunden würden weniger Spargel essen. "Diese Sorge habe ich nicht mehr", sagt er. Inzwischen habe die Branche entdeckt, wie das Edelgemüse für den Endverbraucher leichter zu handhaben sei: Dank Spargelschälmaschinen können die Verbraucher bereits geschälten Spargel kaufen. "Einfacher kann man kein Gemüse zubereiten - einfach in den Topf und kochen", sagt Eickhorst. Das komme auch bei den jüngeren Kunden an.

Dennoch macht den Spargelbauern eine Entwicklung Sorgen: Die Kosten steigen, auch wegen des Mindestlohns, den sie für die Erntehelfer zahlen müssen. Aber die Erlöse kommen nicht hinterher, sagt Hans Lehar, Geschäftsführer der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden. "Die Mehrkosten, die wir bezahlen müssen, können wir auf dem Markt nicht realisieren." Deutschland sei das Land mit den geringsten Lebensmittelpreisen in Europa. Die Kosten steigen seinen Angaben zufolge jährlich um bis 15 Prozent. "Das geht an die Substanz. Da muss jeder kalkulieren, wie lange er durchhält."

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Die Spargelbauer blicken auf eine sehr durchwachsene Saison zurück. Von der geernteten Menge her rechnen die Experten mit einer Ernte auf Vorjahresniveau - etwa 120 000 Tonnen. Mit den Erlösen seien die Erzeuger aber nicht zufrieden, sagte Hans Lehar, Geschäftsführer der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden: "Die Preissituation ist eher unbefriedigend." Im Durchschnitt habe der Kilopreis zwischen April und Juni bei 6,98 Euro gelegen, sagte Michael Koch von der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft in Bonn - im Vorjahreszeitraum lag der Durchschnittspreis für deutschen Spargel bei 7,17 Euro pro Kilo.