Am kommenden Donnerstagabend ist die Cottbuser Stadthalle in der Hand der Lausitzer Bergleute. Das Energieunternehmen Vattenfall feiert wie jedes Jahr dort den Barbaratag. Die Unterstützung der Schutzheiligen der Bergleute können die Kumpel in diesen Tagen brauchen. Denn die Branche geht angesichts der Debatte um die Fortsetzung der Energiewende durch unruhige Zeiten.

Das Lausitzer Revier wird zusätzlich mit der Aussicht auf einen Eigentümerwechsel belastet. In der Region hängen jedoch 8000 direkte und etwa ebenso viele indirekte Jobs noch immer an der Kohleförderung und -verstromung.

Jüngstes Kapitel in dieser Geschichte war ein Treffen der Chefs von Energieunternehmen und Verbänden mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel am vorigen Montag in Berlin. Dort eröffnete er ihnen, dass sie in den kommenden Jahren rund 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß aus fossilen Kraftwerken einsparen sollen, um das nationale Klimaschutzziel für 2020 doch noch zu erreichen. Bis zum Sommer soll es dazu ein Kohle-Gesetz geben.

Wie die Einsparung konkret organisiert werden soll, ist jedoch offenbar noch völlig offen. "Das weiß Gabriel vermutlich selbst noch nicht", sagt ein Insider vertraulich. Klar ist bisher nur, Kraftwerke, die bei der Bundesnetzagentur schon zur Stilllegung angemeldet sind, sollen nicht auf dieses Einsparziel angerechnet werden. Auch beim Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW), der bei dem Treffen mit Gabriel am Montag mit am Tisch saß, herrscht wenig Begeisterung über Gabriels Idee. Das geht aus einem internen Schreiben des Verbandes hervor.

Kritisiert wird dort vor allem eine mangelnde Abstimmung mit anderen offenen Fragen des Energiemarktes. Außerdem sei eine solche Kohlendioxideinsparung nur "nationale Symbolpolitik". Durch den europäischen Emissionshandel würde dieses Kohlendioxid dann eben in einem anderen Land in die Luft geblasen. Klimaeffekt null.

Gabriels Kohle-Gesetz-Vorstoß kam für viele überraschend. Hatte er doch noch wenige Tage vorher erklärt, man könne nicht gleichzeitig aus der Kernenergie und aus der Braunkohleverstromung aussteigen. Das letzte Atomkraftwerk in Deutschland soll 2022 vom Netz gehen.

Im Oktober hatte Gabriel das auch in einem Brief Schwedens neuem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Stefan Lövfen mitgeteilt. Und er bat Lövfen ausdrücklich, seinen Einfluss auf den Staatskonzern Vattenfall auszuüben, dass der seine geplanten Investitionen in die beiden Erweiterungstagebaue Nochten II und Welzow-Süd II nicht stoppt.

Ohne diese beiden Tagebaue, so Gabriel in diesem Brief, würden die Kraftwerke Boxberg und Schwarze Pumpe schon 2030 abgeschaltet werden. Und Vattenfall müsste dann den Großteil seiner 8000 Mitarbeiter entlassen, in einer strukturschwachen Region ohne realistische Beschäftigungsalternative.

Bevor die Lausitzer Bergleute am Donnerstagabend den Tag der heiligen Barbara feiern, tagen in Cottbus die Aufsichtsräte von Vattenfall Mining und Vattenfall Generation. Dabei könnte es bereits ein erstes wichtiges Signal geben. Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll an diesem Tag auch über den Investitionsplan für die Tagebaue abgestimmt werden, darunter ein deutlicher zweistelliger Millionen-Betrag als erste Rate für den Tagebau Nochten II. Der gesamte Tagebau wird mehrere Hundert Millionen Euro kosten.

Ein solcher Beschluss wäre auch ein Zeichen für die Lausitzer in den Gemeinden Trebendorf und Schleife, die Nochten II weichen sollen. Viele von ihnen, die schon fast auf gepackten Koffern sitzen, warten auf unterzeichnete Umsiedlungsverträge, um ihre Lebensplanung zu gestalten. Vielleicht wird diese Verträge aber schon ein neuer Eigentümer der Tagebaue und Kraftwerke in der Lausitz unterschreiben.

Denn vor wenigen Wochen kam aus Stockholm die Ankündigung, dass Vattenfall sein ostdeutsches Braunkohlengeschäft verkaufen will. Die Gruben und Kraftwerke hatten lange Zeit dicke Gewinne in die Kasse gespült, doch sie passen nicht mehr in das klimafreundliche Image des schwedischen Konzerns, der im eigenen Land mit Kernenergie und Wasserkraft Strom erzeugt.

Mit der mitteldeutschen Mibrag und dem dahinterstehenden tschechischen Energiekonzern EPH bringt sich auch ein Kaufinteressent immer mehr ins Gespräch. Nach Zeitungsberichten prüft die Mibrag ein Angebot für eine Komplettübernahme des gesamten Lausitzer Vattenfall-Geschäftes.

Die Ministerpräsidenten von Brandenburg und Sachsen, Dietmar Woidke (SPD) und Stanislaw Tillich (CDU) wollen in die Verhandlungen über einen Verkauf möglichst eng informativ eingebunden werden. Deshalb wollen sie in Kürze zusammen nach Stockholm fahren.

Zum Thema:
Klimaschutzziel der Bundesregierung ist es, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gemessen an 1990 zu reduzieren. Die Lausitz hat dazu bereits einen erheblichen Anteil geleistet.Im Jahr 1990 wurden in der Lausitz 168 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und 90 Millionen Tonnen davon verstromt. 2013 betrug die Fördermenge 63 Millionen Tonnen, die in einem erneuerten oder modernisierten Kraftwerkspark verstromt wurden. Dadurch verringerte sich der Kohlendioxidausstoß im Lausitzer Revier bereits entsprechend des Bundesziels für 2020. sim