Damals hatte ein CDU-Positionspapier zum 55. Jahrestag der "Charta der Heimatvertriebenen" manche Genossen auf die Palme gebracht. SPD-Fraktionschef Cornelius Weiss warnte die Christdemokraten vor Populismus: "Wir sollten nicht immer wieder alte Wunden aufreißen", sagte der damals 72-Jährige.
Sachsens SPD-Chef und Vize-Ministerpräsident Thomas Jurk sieht das zwölf Monate später entspannter. "Innerhalb der Regierungskoalition gibt es dazu weder Anfragen noch Zerwürfnisse mit dem Koalitionspartner." Regierungschef Georg Milbradt (CDU), der selbst einer Vertriebenen-Familie entstammt, möchte sich momentan nicht dazu äußern. Andreas Grapatin, vertriebenenpolitischer Sprecher der CDU, ist deutlicher. Er sieht in der SPD "kein inneres Bedürfnis" für das Thema. Schon vor dem Positionspapier gab es konträre Auffassungen. 2002 forderte der Landtag mit den Stimmen der CDU-Mehrheit eine Aufhebung der Benes-Dekrete. Sie schufen die Voraussetzung für die Ausweisung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei, von denen viele auch in Sachsen landeten. Insgesamt hat ein Viertel der hiesigen Bevölkerung Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt oder als Nachko mme davon erfahren. Das Innenministerium geht davon aus, dass 1995 noch 350 000 Vertriebene in Sachsen lebten.
Beim Nachbarn Tschechien löste das Votum des Parlaments gegen die Stimmen von SPD und PDS Unmut aus. "Die Debatte um die Benes-Dekrete kam damals vor Aufnahme Tschechiens in die EU auf. Dabei hatte das tschechische Abgeordnetenhaus bereits im April 2002 eine Erklärung verabschiedet, in der es die Wirksamkeit der Dekrete als erloschen charakterisierte", sagt Jurk und ist sicher, dass sich "dieses Denken nach und nach immer mehr in den Köpfen der Menschen verankert".
Im Sommer 2005 legte die CDU mit konkreten Projekten nach. Außer einem Schlesischen Museum in Görlitz wurde ein "Haus der Heimat" angeregt. Zudem sollte der 5. August zum nationalen Gedenktag werden. Das Museum gibt es inzwischen. Für das "Haus der Heimat", das die früheren Lebensräume Vertriebener dokumentieren soll, sieht Grapatin bei leeren Kassen keine schnelle Entscheidung. Auch der Gedenktag sei mit Blick auf Gesundheitsreform und Hartz IV derzeit wohl nicht das "herausragende Thema".
Grapatin befürchtet, dass Sachsen seine jährlichen Mittel für Kulturförderung Vertriebener - 2005 waren das 470 000 Euro, in diesem Jahr 350 000 Euro - im nächsten Haushalt kürzt und warnt zugleich davor. "Die Erlebnisgeneration stirbt aus, damit ist das Thema aber nicht erledigt. Die Vertriebenen sollten nicht dem Rotstift geopfert werden", sagt der 42-Jährige. Deshalb ist er froh über Projekte wie das Hörbuch mit Geschichten Sudetendeutscher, die in Sachsen leben. Es erschien unlängst und vereint Schilderungen von 39 Vertriebenen.
Auch Jurk hält es für wichtig, das Erlebte wach zu halten. "Das Schicksal der Vertriebenen ist ein wichtiger Bestandteil der Kriegsgeschichte und der deutschen Historie. Insofern kann ich nur begrüßen, dass Betroffene in Hörbüchern erzählen, was sie in dieser und wie sie diese Zeit erlebt haben." Grapatin lebt die Versöhnung inzwischen persönlich - als Patenonkel für Kinder jener Familie, die damals das frei gewordene Grundstück seiner aus Schlesien stammenden Großeltern in der Nähe von Glogau (Glogow) bezog.