Der Mann aus der Diskothek war irgendwie nett. Aber den Alkohol und dann den Sex, das hat sie nicht gewollt. Ratlos läuft die junge Frau durch die Straßen von Cottbus. War das Erlebte eine Vergewaltigung? Mit wem kann sie darüber reden? Was kann sie tun?

Eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene ist künftig das Carl-Thiem-Klinikum. Denn das Krankenhaus beteiligt sich am Brandenburger Pilotprojekt "Vergewaltigt. Was nun?". In insgesamt vier Kliniken - in Cottbus, Frankfurt (Oder), Potsdam und Neuruppin - ist es ab sofort möglich, vertraulich Beweise einer eventuellen Vergewaltigung erheben zu lassen.

"Wir machen dann eine körperliche Untersuchung und sichern die Kleidungsstücke, die getragen wurden", sagt die Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Frankfurt (Oder). Es würden Beweise gesichert und eventuelle Verletzungen schriftlich und fotografisch dokumentiert.

"Viele Opfer schrecken vor Anzeigen zurück", sagt Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Linke). Im Jahr 2012 gab es in Brandenburg insgesamt 1369 Anzeigen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. 2013 waren es 1493 - eine deutliche Steigerung. "Aber es gibt eine deutlich höhere Dunkelziffer."

Das Frauenhilfswerk "Terre des Femmes" schätzt laut Golze, dass überhaupt nur fünf Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt würden. Viele Opfer würden vor Anzeigen zurückschrecken, weil die Täter oft aus dem nahen Umfeld der Betroffenen stammen.

Das neue Projekt der vertraulichen Beweiserhebung schenkt deswegen vor allem Zeit. "Die erhobenen Beweise werden bis zu drei Jahre aufbewahrt", sagt Golze. "Aber sie werden nur weitergegeben, wenn sich das Opfer entscheidet, Anzeige zu erstatten." Zudem könne die Beweissicherung dazu beitragen, dass das Opfer seine Scham verliert. "Die Opfer erhalten ein Stück der Entscheidungsgewalt zurück, die ihnen durch die Tat genommen wurde."

Erfahrungen aus anderen Bundesländern zeigten, dass zwischen 20 und 50 Prozent der gesicherten Spuren später für eine Anzeige genutzt werden.

"Ganz wichtig ist es, dass sich Opfer von Vergewaltigungen auf jeden Fall medizinisch untersuchen lassen, auch wenn sie keine Spurensicherung wünschen", so die Ministerin. "Eine Vergewaltigung kann körperliche und seelische Schäden nach sich ziehen - deswegen sollte immer ein Arzt aufgesucht werden." "Wichtig ist es, dass man so schnell wie möglich kommt", sagt der Chefarzt der Frauenklinik des Carl-Thiem-Klinikums, Andrzej Popiela. Schon eine Dusche könne Spuren vernichten. Wer als Frau mit dem Satz "Ich brauche dringend ein Gespräch mit einer Gynäkologin" oder als Mann mit dem Satz "Ich brauche dringend ein Gespräch mit einem Urologen" in die Notaufnahme komme, werde umgehend zu einem entsprechenden Facharzt weitergeleitet, mit dem dann in Ruhe das weitere Vorgehen beraten werden könne. In Cottbus hätten die ersten Schulungen für das neue Projekt im Oktober stattgefunden.

Seitdem hätten sich bereits drei Fälle ergeben, in denen eine Beweiserhebung durchgeführt wurde. "Alle drei waren Minderjährige", so Popiela. "Und in zwei Fällen haben wir Spuren einer Vergewaltigung gefunden, die dann auch zur Anzeige gebracht wurde."

Zuvor habe es am Carl-Thiem-Klinikum im Durchschnitt fünf bis zehn Fälle pro Jahr gegeben, in denen Opfer zusammen mit der Polizei zur Beweiserhebung vorstellig geworden seien.

Und der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der Ruppiner Kliniken in Neuruppin, Bernd Christensen, wies darauf hin, dass sich das neue Projekt nicht nur an Frauen richte. "Dass auch Männer vergewaltigt werden, wird oft vergessen", so Christensen. "Aber für sie gibt es derzeit noch viel weniger Hilfsstrukturen als für Frauen."