Von Andrea Hilscher

Es ist kalt an diesem Morgen, kalt und still. Nur wenige Besucher finden heute den Weg in den Wald der Erinnerung bei Potsdam. Seit mehr als vier Jahren gibt es diesen sehr besonderen Ort, an dem Hinterbliebene von im Dienst verstorbenen Soldaten Raum für ihre Trauer finden können.

„Schon 2009 haben die Hinterbliebenen die Idee für eine Gedenkstätte, angelehnt an das Konzept eines Friedwaldes, entwickelt“, erzählt Oberst Markus Beck vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Auch die Soldaten selbst äußerten den Wunsch, einen Ort für gemeinsames Gedenken und privates Erinnern zu schaffen. Außerdem, so Beck, war es an der Zeit, den Ehrenhainen, die aus den Einsatzgebieten im Ausland zurückgeführt wurden, einen endgültigen Bestimmungsort zu geben. „Diese Ehrenhaine werden an den jeweiligen Einsatzorten von den Kameraden selbst gebaut, mit den Mitteln, die ihnen dort zur Verfügung stehen“, sagt der Oberst. Ist ein Einsatz beendet, werden diese Ehrenhaine demontiert.

Es gab viele Vorschläge, welcher Ort für ein nachhaltiges Gedenken geeignet wäre. „Letztlich aber sind wir sehr froh, dass der Wald der Erinnerung und die rückgeführten Ehrenhaine auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos ihren Platz gefunden haben“, sagt Markus Beck.

Von hier aus werden alle Auslandseinsätze geführt, in der Operationszentrale laufen rund um die Uhr alle Informationen aus den Einsatzgebieten zusammen – und eben auch das, was hier als „Sonderfall“ bezeichnet wird: Tod und Verwundung von Soldaten. „Wir sind sehr nah dran an diesem Thema“, sagt Oberst Beck.

Wie nah, das wird spätestens dann deutlich, wenn Hauptfeldwebel Michael E. zu erzählen beginnt. Er führt Hinterbliebene, trauernde Kameraden, Auszubildende der Bundeswehr und zivile Besuchergruppen durch den Wald der Erinnerung. An jeder der aktuell acht Stelen aus grauem Ziegel bleibt er stehen. Legt vorsichtig die Hand auf die bronzenen Buchstaben, die die Namen von 110 Soldaten bilden, die durch Auslandseinsätze ums Leben gekommen sind.

„Die Haptik hilft, um die Trauer greifbar zu machen“, sagt der Hauptfeldwebel, und in diesem Trauerprozess soll auch dieser besondere Ort helfen, der dem Gedenken Raum gibt.

110 Namen. Genannt wird der Einsatzort, aber weder der Dienstgrad noch die Umstände des Todes spielen auf den Stelen eine Rolle. Hauptfeldwebel Michael E. kennt sie trotzdem, die Geschichten der Toten. Die der Gefallenen, die der Unfälle, die der Suizide. „Hier ist der emotionalste Ort der Bundeswehr“, sagt er, „das muss man aushalten können.“

110 Namen. 106 Todesfälle im Ausland, vier Soldaten sind an den Nachwirkungen des Einsatzes gestorben. 37 Soldaten sind im Gefecht gefallen, 35 von ihnen in Afghanistan. Ein Soldat fiel in Kambodscha, er ist der erste Bundeswehrsoldat, der im Auslandseinsatz getötet wurde. Der Sanitätsfeldwebel (26) hatte an einer UN-Friedensmission teilgenommen und wurde im Oktober 1993 auf der Straße erschossen. Ein Oberstabsarzt kam beim Beschuss eines Hubschraubers in Georgien ums Leben.

110 Namen, Michael E. kennt ihre Geschichten. 2002, Kabul. Bei dem Versuch, eine russische Boden-Luft-Rakete zu entschärfen, kommen zwei deutsche und drei dänische Soldaten ums Leben. 2003, Kabul. Sie hatten ihren Einsatz beendet, die Waffen abgegeben und waren mit dem Bus auf dem Weg zum Flughafen, als ein Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengt: Vier Soldaten sterben, 29 Personen werden verwundet. Seitdem dürfen sich Soldaten im Auslandseinsatz nur noch in gepanzerten oder geschützten Fahrzeugen bewegen.

Die Toten des Karfreitagsgefechts, unter ihnen ein Mann aus Sachsen. 2007 in Kunduz. Drei Reservisten wollen auf dem Markt einen Kühlschrank kaufen, „Handkäufe“ wie diese sollen die Beziehungen zwischen Armee und einheimischer Bevölkerung vertiefen. Die erfahrenen Reservisten fallen einem Selbstmordattentäter zum Opfer.

110 Namen, unter anderem auch von sieben Männern aus Sachsen, acht kommen aus Brandenburg.

110 Namen, eine Frau ist darunter. Sie nahm sich 2002 in der Nähe von Sarajevo das Leben. Michael E. nennt ihren Namen voller Respekt und Mitgefühl. Er selbst weiß, wie der Einsatz Menschen verändert. Fünfmal war er selbst im Ausland, 1053 Tage. „Ich bin selbst geschädigt“, sagt er. „Kann nicht mehr jeden Job bei der Bundeswehr machen.“ Hier, im Wald der Erinnerung, da fühle er sich den Kameraden nah, da kann er etwas tun für die Lebenden und die Toten. Angehörige begleitet er, jeden Todestag würdigt er mit einer weißen Blüte, die neben den Namen des Toten gelegt wird. Den jungen, die noch nichts vom Leben und vom Sterben wissen, denen zeigt er, was es bedeuten kann, zur Bundeswehr zu gehen. „Hier werden wir in letzter Konsequenz auf das gestoßen, was unser Beruf auch sein kann“, sagt er. Und geht weiter, zum Ort der Stille, an dem Gottesdienste gefeiert werden können und Kränze niedergelegt werden. Von hier aus fällt der Blick auch auf jene Bäume, die dem Ort ihren Namen gegeben haben: Auf 4500 Quaratmeter stehen 181 Bäume, die Hinterbliebene von im Dienst Verstorbenen individuell gestalten können. Kleine Gedenktafeln, Herzchen, Engel oder Dienstabzeichen schmücken die Bäume. Einer erinnert an den bis heute ungeklärten Tod einer Offiziersanwärterin auf der Gorch Fock, ein anderer an den jungen Mann, der 2017 nach einem Eingewöhnungsmarsch kollabierte. Die Hinterbliebenen der Opfer des Hubschrauber­absturzes in Mali haben zwei Bäume gewählt, die eng beieinander stehen: anrührende Zeichen der Verbundenheit. Sie gehen zu Herzen wie die Kinderzeichnungen, auf denen in ungelenker Schrift steht: „Papa, ich habe Dich lieb.“