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| 00:33 Uhr

Verstärkte Fahndung mit Video-Bildern

ARCHIV - Eine Überwachungskamera hängt am 04.01.2017 im Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin. Videoüberwachung bringt die Linken auf die Palme - und erfreut die Kriminalpolizei. Mit guten Bildern von Überfällen lassen sich die Täter viel schneller fassen. Deswegen werden immer öfter Fotos und Filmsequenzen veröffentlicht.
ARCHIV - Eine Überwachungskamera hängt am 04.01.2017 im Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin. Videoüberwachung bringt die Linken auf die Palme - und erfreut die Kriminalpolizei. Mit guten Bildern von Überfällen lassen sich die Täter viel schneller fassen. Deswegen werden immer öfter Fotos und Filmsequenzen veröffentlicht. FOTO: Soeren Stache (dpa)
Berlin. Videoüberwachung bringt die Linken auf die Palme - und erfreut die Kriminalpolizei. Mit guten Bildern von Überfällen lassen sich die Täter viel schneller fassen. Deswegen werden immer öfter Fotos und Filmsequenzen veröffentlicht. Andreas Rabenstein, dpa

Die junge Frau wurde in der Nacht im östlichen Berliner Stadtteil Kaulsdorf vergewaltigt und ermordet. Es gab keine Zeugen und wenig Spuren. Für die Kriminalpolizei ein schwieriger Fall. Ebenso wie eine andere Gewalttat, bei der eine Frau in Neukölln die Treppe in einem U-Bahnhof hinuntergetreten wurde und der Täter unerkannt flüchtete. Oder die versuchte Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens im Hausflur eines Wohnhauses in Spandau, bei der zunächst auch keine Spur zum Täter führte.

Drei Fälle aus den Jahren 2015 und 2016, die eines gemeinsam haben: Der Mörder, der verdächtige Gewalttäter im U-Bahnhof und der mutmaßliche Angreifer und Vergewaltiger im Hausflur wurden doch noch gefasst. Mit Hilfe von Bildern aus Videokameras. Der inzwischen verurteilte Mörder ging selbst zur Polizei, ebenso der mutmaßliche Vergewaltiger. Der Angreifer in der U-Bahn, dessen Fall wegen der Brutalität die Gemüter in ganz Deutschland erregte, konnte identifiziert und verhaftet werden.

Einzelfälle sprechen nicht zwingend für ein Gesamtbild. Aber die Zahlen zeigen ähnliches. Die Berliner Polizei hat ihre Fahndungen mit Hilfe von Bildern aus Überwachungskameras in den vergangen Jahren deutlich verstärkt. Und in etwa der Hälfte der Fälle werden so die mutmaßlichen Täter gefasst - und häufig sehr schnell.

Mit präzisen Zahlen zu den sogenannten Öffentlichkeitsfahndungen tut sich die Polizei zwar schwer. „Wir führen dazu keine offizielle Statistik“, sagte eine Sprecherin. Die Zahlen aus einer internen Auswertung wolle man nicht herausgeben, weil sie inoffiziell seien.

Aus dem Archiv der Pressemitteilungen der vergangenen Jahre entsteht aber ein Eindruck von den Größenordnungen, auch wenn die tatsächlichen Zahlen wohl noch etwas höher liegen. Allein im Januar des laufenden Jahres wurden in 8 Fällen Fotos mutmaßlicher Täter aus Überwachungskameras veröffentlicht. Viermal meldete die Polizei kurz darauf eine Festnahme. 2016 gab es mindestens 23 Fahndungen mit Fotos, denen 11 Festnahmen folgten. 2015 veröffentlichte die Polizei mindestens 11 mal Fotos, 8 Fälle wurden dadurch schnell aufgeklärt.

Als Gründe für den zunehmenden Einsatz der Bilder nennt die Polizei: Es gibt immer mehr Überwachungskameras in Bahnhöfen, U-Bahnen und Bussen. Auch Geschäfte und Imbisse sind inzwischen fast alle mit Kameras installiert, und Privatleute nehmen Szenen mit ihren Telefonen auf. „Darüber hinaus hat sich die Qualität entsprechender Aufnahmen in den vergangenen Jahren aufgrund des technischen Fortschritts zunehmend verbessert“, erklärt die Polizei.

Früher waren die Gesichter von Tätern oft nur grob gerastert zu erkennen. Heute liefern selbst billige Webcams über der Theke von Spätis farbige und scharfe Aufnahmen des Bewaffneten, der gerade die Kasse plündert. Einfacher geworden ist auch die Fahndung. Ließ die Kripo früher noch Plakate drucken, schickt sie die Bilder heute über Twitter und Facebook raus. Das mache sich „positiv bemerkbar“, so die Polizei. Oft gehen schnelle Hinweise auf Täter ein, auch mancher Verdächtige kapituliert beim Anblick seines Fotos im Internet und marschiert noch am gleichen Tag zur Polizeiwache.

Selbst darf die Polizei allerdings nicht über eine Fahndung mit Fotos entscheiden. Wegen der Persönlichkeitsrechte der Verdächtigen gibt es dafür rechtliche Hürden und die Mitwirkung der Staatsanwaltschaft und eines Richters. Die entsprechenden Taten sind fast immer Raubüberfälle, Gewalttaten wie Angriffe und Körperverletzungen und Übergriffe gegen Frauen.

Die politische Debatte über das Thema verlässt meist schnell die sachliche Ebene. CDU und AfD wollen mehr Kameras auch auf Plätzen außerhalb der Bahnhöfe. Die SPD sucht recht verzweifelt nach halbgaren Kompromissen, die FDP ist eher dagegen, und Grüne und Linke lehnen es mit aller Macht ab.

Klar ist: Kameras, die nachts den dunklen Alexanderplatz filmen, werden lange nicht so gute Bilder liefern wie in hell beleuchteten U-Bahnhöfen. Zur Aufklärung einiger Taten können sie aber schon beitragen. Die Gegner argumentieren, Taten von Kriminellen würden durch Kameras nicht verhindert. Trotzdem fühlen sich nach einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der „Berliner Zeitung“ 42 Prozent der Befragten sicherer, wenn Videokameras zur Beobachtung installiert sind. 64 Prozent fühlen sich sicherer, wenn Polizisten in der Nähe sind. Insgesamt sind 80 Prozent der Befragten für mehr Kameras.

Unabhängig von politischen Entscheidungen für die öffentlichen Straßen und Plätze werden Bahnhöfe, Busse, Bahnen, Kaufhäuser, andere Geschäfte und oft auch die davor liegenden Bereiche weiter technisch aufgerüstet. 48 Millionen Euro gebe die BVG in den nächsten Jahren aus „für Ausbau und Modernisierung der Videotechnik“, so Sprecherin Petra Reetz. Besonders die Zerstörungen seien zurückgegangen, weil alles gefilmt wird, heißt es. Die Bahn zieht schon seit längerem nach.

Kein Wunder, dass die Polizei sich nach Gewalttaten oder anderen Anzeigen immer mehr Bilder von den Verkehrsbetrieben BVG liefern lässt. Im vergangenen Jahr gab es 7000 Anforderungen dazu. Die Zahl dürfte weiter steigen.