Auf einer Sofaecke im Fanprojekt sitzt ein halbes Dutzend junger Männer. Sie sind noch immer empört über das, was sich am Samstag auf dem Hinterhof des Hauses in der Lutherstraße abspielte. „Hier war alles absolut friedlich, dann sind Polizisten in den Hof gestürmt, haben Tische und Stühle umgerannt“ , erzählt einer. Wer nach dem Ruf „Alles auf den Boden“ nicht schnell genug auf der Erde lag, sei geschlagen worden. „Ich habe auch einen Knüppel in den Rücken bekommen“ , versichert er. Unter den etwa 100 Anwesenden, die dann kontrolliert wurden, waren auch 15 bekannte Mitglieder der Fußball-Gewaltszene.
Olaf Fischer, Schutzbereichsleiter Cottbus/Spree-Neiße der Polizei und am Samstag Leiter des umstrittenen Einsatzes, ist im Nachhinein nicht glücklich, dass das Fanprojekt „in die Geschichte hineingezogen wurde“ . Bisher habe es da nie Probleme gegeben. "Es hat da die Falschen getroffen", sagt Fischer nach einem Gespräch mit Jörn Meyer, dem Chef des Jugendhilfe e. V. in Cottbus.

"Problemspiel" für die Polizei
Das Heimspiel von Energie Cottbus gegen Hertha BSC am vorigen Samstag war aus Polizeisicht ein „Problemspiel“ . „Wir hatten Informationen, dass es gewalttätige Aus ein andersetzungen geben soll“ , sagt Fischer. Deshalb hatten sich die Beamten einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss für das „Plumpsklo“ besorgt, eine kleine Kneipe und bekannter Treffpunkt gewaltbereiter Fußballfans. Doch es kam anders. Die Stadt hatte für das „Plumpsklo“ ein Alkohol-Ausschankverbot bis 20 Uhr verhängt. Die Hooligans zogen deshalb in die Lutherstraße und mischten sich unter die Gäste einer Grillparty beim Fanprojekt. Dort hatten sich Streetworker mit Anhängern der Fangruppen „Ultima Raka“ und „Inferno“ verabredet. „Das ist bei uns üblich, um bei Krisenspielen durch das gemeinsame Feiern vorher für eine friedliche Stimmung zu sorgen“ , sagt Meyer.
Verabredet sei gewesen, dass ein Sozialarbeiter dann mit den Fans ins Stadion geht, ein anderer mit den „Stadionverbotlern“ zurückbleibt und aufräumt. Doch noch vor dem Abmarsch zum Stadion stürmte die Polizei den Hof. Schutzbereichsleiter Fischer begründet das damit, dass zwei Türen, die einen Hausflur begrenzen, der einzige Zugang zum Hof seien: „Wir hatten Angst, dass die sich verbarrikadieren.“ Den richterlichen Durchsuchungsbeschluss hatte sich die Polizei vorher auch für die Lutherstraße erteilen lassen.

"In den Dreck geworfen"
Meyer ist vor allem sauer, weil ein „szenekundiger Beamter“ der Polizei von der Feier und allen Absprachen dazu wusste. Bis zum Einsatzleiter der Polizei seien diese Informationen jedoch nicht gelangt. Zudem seien auch die Sozialarbeiter „in den Dreck geworfen und gefesselt worden“ , schimpft er. Dass sie die Polizisten auf ihre Ausweise in der Tasche hinwiesen, hätten die Beamten ignoriert. Zu den Vorwürfen, Jugendliche seien misshandelt worden, kann Meyer nichts sagen: „Als ich ankam, waren die Fesseln abgenommen, ich selbst habe keine Schläge gesehen.“ Das war etwa eine Dreiviertelstunde, nachdem der Hof gestürmt worden war. Dabei gemachte Videoaufnahmen der Polizei könnten noch eine Rolle spielen, falls es zu Anzeigen gegen Beamte kommt.
Trotz aller Bemühungen um eine schnelle Aussöhnung mit dem Fanprojekt verteidigt Fischer aber die Notwendigkeit, die bekannten Gewalttäter der Cottbuser Fanszene am Samstag festzusetzen. Etwa eine Viertelstunde vor Spielende hätten sich etwa 20 Hertha-Anhänger aus dem Stadion davon gemacht und dabei ihren Piercing-Schmuck abgenommen. „Die haben sich auf etwas vorbereitet, was dann nicht stattfand“ , ist Fischer überzeugt. Vor dem Spiel sei außerdem ein Kilogramm verstecktes Rauchpulver im Stadion gefunden worden - genug, um einen Spielabbruch zu provozieren.
Schutzbereichsleiter Fischer hat angekündigt, dass er mit den Fans, die am Samstag unverschuldet in die Razzia gerieten, reden wird. „Wir müssen mehr voneinander wissen“ , sagt auch Meyer. Das Fanprojekt biete Gewalttätern und Rechtsextremisten keinen Raum, versichert er, fordert aber auch Vertrauen in die Arbeit der Streetworker.

Gegen Zwischenfälle im Stadion
Dass sie keine Zwischenfälle im Stadion wollen, unter denen der Verein dann durch Strafen des Fußballbundes leidet, beteuern auch die Jugendlichen, die an diesem Nachmittag auf der Sofaecke im Fanprojekt sitzen. Einige von ihnen hätten sogar mit verhindert, dass beim Spiel gegen Hertha eine Rauchbombe gezündet wurde. „Und das waren Leute, die vorher beim Polizeieinsatz hier im Hof mit im Dreck lagen“ , sagt einer der jungen Männer.