Einer der beiden verschleppten Deutschen stand auf den Philippinen schon in seinem Grab. Das zumindest behaupteten seine Entführer. Die islamistische Terrorgruppe Abu Sayyaf veröffentlichte Bilder, die den aus dem Rheingau stammenden 72 Jahre alten Arzt in einem drei Meter tiefen Erdloch zeigen. Tagelang ließen sie ihn nach ihren Angaben darin sitzen, ohne Schuhe und in dreckigen Klamotten, mitten im Dschungel auf der Insel Jolo. Im Hintergrund immer die bedrohlich schwarze Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die in Syrien und im Irak Angst und Schrecken verbreitet und dort bereits mehrere ihrer Geiseln enthauptet hat. Mit verbundenen Händen ist der Mann auf den Bildern zu sehen, eine Waffe zielt auf seinen Kopf. Die Absicht, mit der die Bilder veröffentlicht wurden, ist klar. Die Terroristen wollten Druck auf die deutsche Regierung ausüben. Vier Millionen Euro wollten sie für die Freilassung des Mannes und seiner 55 Jahre alten Lebensgefährtin haben. Andernfalls würde der passionierte Segler sterben.

Die schlimmsten Befürchtungen sind nicht wahr geworden. Am Freitag, wenige Stunden nach Ablauf des Ultimatums der Entführer, kommt die erlösendende Botschaft: "Wir haben die beiden Deutschen freigelassen", sagt ein Sprecher im Interview des örtlichen Senders DXRZ.

Wenig später bestätigt die Polizei die Übergabe der Geiseln. Ob tatsächlich Lösegeld geflossen ist, ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar.

"Für die Terrorgruppe ist das Ganze eine Win-Win-Situation", sagt Rommel Banlaoi, Direktor des philippinischen Instituts für Friedens-, Gewalt- und Terrorforschung. "Sie sind hinter dem Geld her." Wenn nicht gezahlt worden wäre, hätten die Extremisten den Deutschen wahrscheinlich im Namen von IS getötet - und von der Miliz in Syrien und im Irak Geld bekommen.

Die Terrorgruppe Abu Sayyaf ist keine neue Erscheinung auf den Philippinen. Tatsächlich kämpfen muslimische Separatisten schon seit einem halben Jahrhundert im Süden des Landes für einen eigenen Staat - schon lange vor der Gründung des IS also. Mindestens fünf extremistische Gruppen gibt es derzeit in dem südostasiatischen Land. Abu Sayyaf ist die gewalttätigste der Milizen; 2001 köpfte sie mindestens neun Menschen in ihrer Gewalt.

In den vergangenen Jahren aber ging das philippinische Militär verstärkt gegen die Gruppen vor. Zahlreiche Anführer wurden festgenommen oder erschossen, außerdem litten die Gruppen unter finanziellen Problemen. Durch die militärischen Erfolge und die Bekanntheit des IS bekamen die lokalen Gruppen wieder Aufwind, meinen Beobachter wie Banlaoi. Das sei eine "ernsthafte Gefahr" für die Philippinen und die Touristen dort, warnt das Militär des Landes.

Schon im Sommer hatte Abu Sayyaf per Videobotschaft auf Youtube erklärt, den IS unterstützen zu wollen. "Sie hoffen, dass der IS ihnen finanziell hilft, weil wir sie praktisch von aller finanziellen und logistischen Hilfe abgeschnitten haben", sagt Brigadegeneral Joselito Kakilala, Chef der Militärstrategen auf den Philippinen.

Die große Gefahr ist, dass durch die IS-Förderung und die Zusammenlegung mit einer weiteren philippinischen Gruppe namens Biff eine schlagkräftige Truppe entsteht. Er befürchte "eine größere, besser koordinierte und besser informierte Organisation", sagt Kakilala.