Eher aus Zufall stießen Heike und Hagen Rittel auf die berüchtigte "Colonia Dignidad". Im Winter 2011 nahmen sie sich ein Sabbatjahr und suchten nach einem Reiseziel in Südamerika. Relativ schnell entschieden sie sich für Chile: Robinson Crusoe, Allende und Anwandter kamen ihnen sofort in den Sinn.

1850 hatte Carl Anwandter, noch heute sehr angesehen in Calau, wo er viele Jahre Bürgermeister war, die erste deutsche Kolonie in Chile begründet. Der Stammvater der Deutschen in Chile mit großer Loyalität zu seinem Adoptiv-Vaterland bei gleichzeitigem Festhalten an den eigenen Traditionen prägte und prägt bis heute viele deutsche Siedler in Chile, stellten die Rittels bei ihrem Besuch fest.

Das Wirken Anwandters und seiner Nachfahren verschafft allem Deutschen dort einen unglaublich guten Ruf. Bis auf eine unrühmliche Ausnahme, die "Colonia Dignidad" (spanisch für Kolonie der Würde). Der Gründer dieser obskuren Sektensiedlung, Paul Schäfer, war in den 60er-Jahren wegen Missbrauchsvorwürfen aus Deutschland nach Chile geflohen.

Die beiden Spremberger hatten von Menschenrechtsverletzungen gehört, die seit den 70er-Jahren über Amnesty International an die Öffentlichkeit drangen, vom unseligen Zusammenwirken Schäfers und seiner Helfershelfer mit den Folterknechten Pinochets, Gehirnwäsche, Bespitzelung, Kinderschändung, Schwerstarbeit im Namen Gottes. . . Verbrechen, die trotz vieler Enthüllungen bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt sind.

Die Rittels schlossen Bekanntschaft mit dem Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitung Condor, Ralph Delaval. Dieser drängte darauf: Es gäbe Veränderungen. Ein Besuch würde sich lohnen. Und so entschlossen sich die Lausitzer, die abgeschiedene Kolonie zu besuchen, die sich bereits kurz vor Pinochets Sturz einen neuen Namen ("Villa Baviera" - bayerisches Dorf) zugelegt hatte und sich neuerdings auch für den Tourismus öffnet.

"Es war schon ein mulmiges Gefühl, als wir die endlos lange Schotterpiste in dieses noch immer teilweise von Stacheldraht umzäunte abgeschiedene Gebiet in den Anden hineinfuhren. Mit all dem Gehörten und Gelesenen im Kopf: Massaker an den ,Verschwundenen', politischen Gegnern des Pinochet-Regimes, Lager für biologische und chemische Waffen. Materialschmuggel für die Atombombe. Schäferhunde, die auf das Ergreifen von Hoden abgerichtet waren. . .", erinnert sich Hagen Rittel, der in Spremberg und darüber hinaus auch als "singender Nachtwächter" bekannt ist.

Der 49-Jährige hatte keine Lust, sich mit Schlächtern und Verbrechern an einen Tisch zu setzen. Seiner Frau Heike ging es nicht anders. Dennoch beschlossen sie nach ihren ersten Erfahrungen, diesem Besuch zwei weitere folgen zu lassen. Schließlich nahmen sie in diesem Herbst das Angebot häuslicher Gastfreundschaft an. "Ausspannen im Folterlager" nannte Zeit online die neben Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion neue Einnahmequelle der Kolonisten. Diese würden mit bayerischer Folklore, Kassler und Sauerkraut, 12 000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt, ein erstarrtes Bilderbuch-Deutschland vorgaukeln.

"Wir trafen Menschen. Und glauben, dass das Bild in der Öffentlichkeit nicht nur aus Folterknechten und traumatisierten Vollidioten bestehen sollte", meint Heike Rittel und berichtet, wie eine Begegnung zu einem Entschluss führte. Als sie mit einer Kolonistin auf einer Bank saß, die als Kind in die Sekte hineingeboren wurde, und beide ein Eis aßen. Die erzählte nämlich, dass sie als Kind gedacht hätte: "Wenn das mein Leben sein sollte, dann möchte ich nicht lange leben." Und dann begann die Mittdreißigerin, wohl, weil ihr das Herz übervoll war, einfach zu erzählen.

Heike Rittel war so aufgewühlt, dass ihr das Eis nicht mehr schmeckte. Die 52-Jährige, die als Lehrerin in Cottbus arbeitet, beschloss, das Gespräch auch mit anderen Frauen zu suchen. Denn sie spürte: Bei all den Enthüllungen über die Schreckenstaten dieses kleinen "totalitären Staates im Staate" kamen die Frauen bislang nur selten vor. Ja, sie wagten kaum, untereinander darüber zu sprechen. Fünfzehn Frauen zwischen 35 und 78 Jahren erklärten sich schließlich bereit, ihre Fragen zu beantworten, zwei Kinder dazu. So entstanden mehrstündige Tonbandprotokolle nach dem Vorbild Maxi Wanders "Guten Morgen, du Schöne".

Unsäglich, was die Frauen zu Protokoll gaben: Vor Jahren noch durften Frauen und Männer hier nicht in einer Wohnung zusammenleben, Sexualität war tabu. Der Sektenführer jedoch hielt sich an den kleinen Jungen schadlos. Heimlich trafen sich dennoch einige Paare in den Wiesen. Wald- und Wiesenkinder gingen aus diesen verbotenen Begegnungen hervor, die erst vor zehn Jahren, als das Unmenschliche immer drängender von den chilenischen Behörden hinterfragt wurde, erfuhren, wer ihre Mütter und Väter waren und ihre Geschwister.

"Das Krankenhaus der Siedlung spielte eine besonders zwiespältige Rolle", hat Heike Rittel erfahren. Während einerseits vorbildliche Gesundheitsversorgung für die arme Landbevölkerung der rückständigen Region geleistet wurde, wurde es auch benutzt, um widerspenstige Kolonisten mit Elektroschocks zu foltern oder mit Medikamenten ruhigzustellen. Der Krankenhausaufenthalt chilenischer Neugeborener und Kleinkinder diente in vielen Fällen als Gelegenheit zur Zwangsadoption.

Eines dieser Kinder berichtete: Schon als Achtjährige stieß ihr der Sektenführer eine Pistole in die Brust, um sie in Angst und Demut zu halten. Die Nächste hatte vierzehn Jahre im Hühnerstall gelebt, einer anderen verdorrten durch Elektroschocks die Eierstöcke. Wie durch ein Wunder konnte sie noch zwei Kinder zur Welt bringen. Zwei Frauen zogen ihre Zusage für das Gespräch zurück. Andere räumten eigene Schuld ein, warfen sich vor, zuerst im Glauben, den Armen Gutes zu tun, später zunehmend in religiösem Fanatismus, einen Menschen angegöttert und dafür dieses unmenschliche Strafsystem mitgetragen zu haben.

Mehrstündige erschütternde Berichte von Frauen, die von einem unseligen Kapitel deutscher Siedler erzählen, das noch längst nicht bis zu Ende aufgeklärt, geschweige denn strafrechtlich aufgearbeitet ist. Inzwischen leben von den ehemals schätzungsweise 350 Bewohnern der Kolonie nur noch knapp über 100 dort. Der Sektenführer starb vor Jahren in einem chilenischen Gefängnis, auch andere Täter und Opfer sind tot oder, was früher unmöglich war, weggezogen. Nicht wenige gingen nach Deutschland.

Die Rittels wollen, dass nichts verschwiegen, ein genaues, differenziertes Bild dieser deutschen Kolonie gezeichnet wird: "Nicht der Ort ist schuldig. Sondern Menschen in einem Beziehungsgeflecht von Tätern, Mitläufern und Opfern, wie wir das leider nur zu gut von anderen deutschen Diktaturen kennen."

Die Spremberger hoffen auf die Sogkraft des Films "Colonia". Dass auch die Bundesrepublik ihrer Verantwortung gerecht wird und die juristische und historische Aufarbeitung unterstützt. Dass die Aussöhnung der vor Ort verbliebenen Kolonisten, die eher den Mitläufern und Opfern zuzurechnen sind, mit den Angehörigen der chilenischen Mord- und Folteropfer auf der Grundlage von Aufklärung und gemeinsamem Gedenken gelingen kann. Und sie setzen dabei auch auf Heike Rittels Frauenprotokolle. Ein Buch könnte daraus entstehen. Und vielleicht landen sie ja auch eines Tages im Museum dieser vermeintlichen bayerischen Idylle mitten in Chile.

Zum Thema:
Die Colonia Dignidad, heute Villa Baviera, ist ein auslandsdeutsches, festungsartig ausgebautes, von einer Sekte bewohntes Siedlungsareal in Chile. Es wurde durch während der Pinochet-Diktatur begangene Menschenrechtsverletzungen weltweit bekannt. 2006 veröffentlichten etwa 140 Bewohner ein Schuldbekenntnis. Die Kolonie liegt etwa 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile und umfasst ein Gebiet von 13 000 Hektar. Sie wurde 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer (Foto) gegründet, der 2010 in einem chilenischen Gefängnis starb. Wegen Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen war er zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.