"Man muss die Menschen aus
ihrer rauchseligen Zufriedenheit
herausreißen"
 David Byrne, ehemaliger EU-Gesundheitskommissar


Als erstes Land Europas versieht es Zigarettenschachteln neben schriftlichen Warnhinweisen auch noch mit schockierenden Fotos. Von dieser Woche an dürfen Tabakkonzerne nur noch Päckchen mit Bildern ausliefern.
Die Einzelhändler haben nun bis Juni 2007 Zeit, um ihre Bestände vollständig durch bebilderte Packungen zu ersetzen. Die ersten stehen bereits in den Regalen. "Beeindruckend", kommentiert eine junge Supermarkt-Verkäuferin in Brüssel. Das Päckchen in ihrer Hand zeigt einen geschwächten jungen Mann auf der Intensivstation. Auch Bilder von Zahnruinen, zerfressenen Lungen und Tumoren werden künftig zu sehen sein.
Die Initiative geht auf den früheren EU-Gesundheitskommissar David Byrne zurück, der den Katalog mit 42 Bildern 2004 an alle 25 EU-Regierungen geschickt hatte. "Man müsse die Menschen aus ihrer rauchseligen Zufriedenheit herausreißen", mahnte er. Kaum eine Botschaft sei stärker als eine visuelle. In der EU sterben jährlich über eine halbe Million Menschen an den direkten und indirekten Folgen des Rauchens, wie die EU-Kommission ermittelt hat.
Der Vorschlag Byrnes war freiwilliger Natur - in Deutschland liegen derartige Pläne daher im Moment nicht auf dem Tisch. Zu frisch sind die Entscheidungen über das Rauch- und das Tabakwerbeverbot. Man wolle die Auswirkungen in anderen Ländern abwarten, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing. Mit Gesundheitsfragen befasste Beamte in Berlin gehen allerdings davon aus, dass ein solches Projekt auch in Deutschland längerfristig nicht chancenlos wäre. Irland, Großbritannien und Lettland haben sich bereits interessiert gezeigt.
Bei Philip Morris (Marlboro, L&M), dem umsatzstärksten Hersteller auf dem belgischen Zigarettenmarkt, zeigt man sich gelassen: Die Umsätze hingen von zu vielen Faktoren ab, als dass man Vorhersagen über mögliche Auswirkungen treffen könne, so Sprecher Richard James.
Der zweitgrößte Hersteller British American Tobacco (Lucky Strike, Kent) reagiert ähnlich: Man erwarte keine nennenswerten Einbrüche, so Wouter De Backer, Leiter für Unternehmens- und Rechtsfragen in Belgien. "Die Menschen werden sich an die Bilder gewöhnen, wie sie sich an die Texte gewöhnt haben", meint er.
In den Vorreiterländern außerhalb Europas sieht man das etwas anders. Zigarettenschachteln mit Bildern sind unter anderem in Kanada, Brasilien, Singapur und Thailand im Umlauf. Eine vom kanadischen Institut für Gesundheitsforschung (CIHR) finanzierte Studie machte 2002 deutliche Auswirkungen aus: So erklärte jeder vierte befragte Raucher, sich wegen der Bilder schon mindestens einmal die Lust auf den Glimmstengel verkniffen zu haben.
"Eine gute Idee", findet auch Thomas Dessart, ein 28-jähriger belgischer Raucher, der die neuen Fotos begutachtet. Er habe ohnehin schon seit Längerem vor, mit dem Rauchen aufzuhören. "Ich bin froh über jede zusätzliche Motivation", erklärt er.
Die Belgier haben allerdings die Möglichkeit, zwischen unterschiedlich dramatischen Bildern zu wählen. Wer den Anblick des verkrebsten Halses nicht erträgt, kann im Laden beispielsweise nach einem Päckchen mit einem symbolischen verschrumpelten Apfel ("Rauchen lässt Ihre Haut altern") verlangen. In Kanada nutzt der CIHR-Studie zufolge jeder fünfte Raucher diesen Ausweg.