Zwar reißt der Besucherstrom zu der Schauwerkstatt an der Grenze zu Polen nicht ab, doch insbesondere um den Schutz von Kindern, die unter 14 Jahren in Begleitung von Erwachsenen hinein dürfen, ist eine heftige Debatte entbrannt. Die Kirche forderte eine sofortige Schließung, Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) verbot Schulausflüge dorthin. Dies nannte von Hagens "aufklärungsfeindlich und undemokratisch".

Bisher mehr als 7000 Besucher

Mehr als 7000 Menschen kamen bereits in die ehemalige Wollfabrik in der strukturschwachen Gegend, darunter viele minderjährige Kinder. In der Schauwerkstatt wird gezeigt, wie anatomische Präparate hergestellt und in Kunststoff gehärtete Menschenleichen in Scheiben zerschnitten werden. Am Eingang steht, dass unter 14-Jährige nur gemeinsam mit Erwachsenen die Ausstellung ansehen dürfen. Von Hagens meint, er halte damit das Jugendschutzgesetz ein. Doch aus Sicht von Rupprecht geht das nicht weit genug. Er reagierte daher prompt, als der Anatom Tausende Schulen in Deutschland ins Plastinarium einlud und verbot den märkischen Schulen den Besuch während des Unterrichts.
"Das Zerschneiden von toten Menschen in aller Öffentlichkeit" habe nichts mit Wissenschaft zu tun, "sondern dient nur dem Profit und dem Voyeurismus", meint Rupprecht. Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, spricht von einer "Verrohung der Sitten, bei der nicht nur Körper, sondern auch Seelen in Scheiben geschnitten werden". Eine Verfassungsklage der Kirche gegen die Einrichtung soll es allerdings vorerst nicht geben.

Zwar bestehe kein Zweifel, dass ein öffentliches Präparieren von Leichen gegen die vom Grundgesetz garantierte Menschenwürde verstoße, sagte der Präsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Ulrich Seelemann. Aber eine Verfassungsbeschwerde könne sich nur gegen staatliche Akte oder Akteure richten und nicht gegen Privatpersonen.

Rupprecht sucht derweil weiter nach Wegen, um Kindern den Zugang zu der Schauwerkstatt generell zu verbieten. Er mahnte das Gubener Ordnungsamt, alle Möglichkeiten des Kinder- und Jugendschutzes auszuschöpfen. Das Amt hatte nach einer ersten Aufforderung des Ministers keine Verstöße festgestellt und auf die erneute Anmahnung gibt es laut Ministerium noch keine Reaktion. Aus Sicht von Rupprecht birgt die Schau "ein erhebliches Gefährdungspotenzial" für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Dagegen sieht der Potsdamer Psychologe Günter Esser keine Gefahr für eine Schädigung von Kindern. "Die Schau ist etwas zwischen Kunstwerk, Anatomie und vielleicht auch Blasphemie, aber Kinder werden dadurch aus meiner Sicht nicht belastet oder verroht", sagt der Inhaber des Lehrstuhls für klinische Psychologie an der Universität Potsdam.

Angebot an Minister
Von Hagens warf derweil Rupprecht vor, "nicht über die Wissenschaftlichkeit des Plastinariums informiert" zu sein und bot dem Minister ein aufklärendes Gespräch an. Wie Ministeriumssprecher Stephan Breiding sagt, will sich Rupprecht in den nächsten Tagen dazu äußern. Dem Minister gehe es nicht um ein Verbot, sondern um den Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Infos zum Plastinarium Internet: www.plastinarium.de

Die Internetseite der Neißestadt: www.guben.de