"In den vergangenen Jahren kamen wir mit der Ernte kaum hinterher, diesmal werden die Blätter einfach nicht reif", erzählt Tabakbauer Günter Dalchau mit Sorgenfalten auf der Stirn.

Produktion seit der Wende
In seiner Gusower Gartenbau GbR wird seit der Wende Tabak produziert. Schon im Mai musste er die Felder zusätzlich beregnen, damit die 180 000 Tabakpflänzchen nicht gleich vertrockneten. Der Regen der vergangenen Wochen hat dazu geführt, dass die Pflanzen nach der langen Hitze jetzt erst richtig wachsen. Die Ernte begann im Juli zwei Wochen später, als sonst. Die zehn Pflücker - "Plantöre" genannt, sind nicht kontinuierlich, sondern sporadisch auf den Feldern, um zu "bladen", also die klebrigen, teerhaltigen Blätter etagenweise vom Stängel zu lösen. Sie reifen von unten nach oben, sobald sich helle Stellen im dunklen Blattgrün zeigen, wird gebladet.
"Die Ernte wird sich in diesem Jahr wohl bis zum ersten Frost hinziehen", sagt Jutta Dahle, Mitinhaberin des Gusower Betriebes. "Jedes Blatt, was noch reift, muss geborgen werden, um die Verluste in Grenzen zu halten." Die untersten Blätter, Grumpen genannt, konnten die "Plantöre" gar nicht verwenden - zu klein und notreif entsprachen sie nicht den hohen Qualitätsanforderungen. Doch auch bei den mittleren Sand-Blättern, den hochwertigsten, schnell trocknenden Tabak-Lieferanten ohne große Blatt-Rippen, muss der Ostbrandenburger Betrieb in diesem Jahr Abstriche machen. Idealerweise schwitzen die zum Trocknen aufgehängten Blätter in den ersten zwei, drei Tagen zunächst, um ordentlich auszureifen. "Bei Temperaturen von über 30 Grad in diesem Jahr sind sie hingegen gleich vertrocknet und dadurch fleckig geworden", erzählt Dahle. Einhei tlich hellbraun muss das getrocknete Tabakblatt eigentlich aussehen, um beim Aufkäufer die höchsten Preise zu erzielen.

Noch 75 Tabak-Erzeuger
Mittlerweile gehört der kleine Betrieb am Rande des Oderbruchs zu den etwa 75 letzten Tabak-Erzeugern in Ostdeutschland. Zum Vergleich: 3600 Bauern waren es vor 16 Jahren, darunter viele Landwirte im Nebenerwerb. Die mühselige Hand- und Knochenarbeit war gegenüber anderen Kulturpflanzen lukrativ, weil sie von der Europäischen Union stark subventioniert wurde. Die Zeiten sind jedoch vorbei: Nur noch sechs Hektar werden in Gusow, am Rande des Oderbruchs, mit Zigaret ten-Tabak der Sorte "Burley" bewirtschaftet. Vor wenigen Jahren war die Anbaufläche noch doppelt so groß. "Wir dürfen nur noch insgesamt 22 Tonnen Tabak liefern", erklärt Dalchau die Reduzierung. Deutschlandweit musste die Lieferquote nach EU-Bestimmungen um 15 Prozent verringert werden - aufgeteilt auf alle Erzeuger. Im Laufe der nächsten Jahre werden auch die Zuschüsse aus Brüssel zurückgeschraubt, spätestens 2013 soll ganz Schluss sein. Künftig wird Tabak billig aus China und Brasilien in die EU importiert.

Kosten sind zu hoch
3000 Euro, so schätzt Dalchau, hat er pro Hektar Tabakfeld bis zur Ernte investiert, inklusive Düngung und Beregnung. "Diese Kosten sind einfach zu hoch, ohne die EU-Subventionen, kann ich die nicht mehr tragen." Die Europäische Union wolle Geld sparen und die Zigarettenindustrie sei nicht bereit, höhere Aufkaufpreise zu zahlen, umschreibt er das Dilemma. Die Gusower und die uckermärkischen Erzeuger rings um Schwedt gehörten bisher zu den bedeutendsten Tabaklieferanten Ostdeutschlands. Nach Angaben Dalchaus ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die letzten von ihnen das Handtuch werfen. Dann stirbt eine Jahrhunderte lange Brandenburger Tradition, die einst von den Hugenotten begründet worden war. "Wie man Tabak anbaut, werden die Leute bald nur noch im Museum erfahren können", ahnt Dalchau.