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| 01:05 Uhr

Vermittlungsgutschein floppt

Ein Mann geht im Münchner Arbeitsamt an einem Logo vorbei. Bei den von der Bundesregierung geplanten Arbeitsmarkt-Reformen sind zumindest im Detail auch materielle Verbesserungen für Arbeitslose vorgesehen.
Ein Mann geht im Münchner Arbeitsamt an einem Logo vorbei. Bei den von der Bundesregierung geplanten Arbeitsmarkt-Reformen sind zumindest im Detail auch materielle Verbesserungen für Arbeitslose vorgesehen. FOTO: Frank Leonhardt (dpa/dpaweb)
145 000 Menschen waren Ende Juni in den Arbeitsamtsbezirken Cottbus, Bautzen und Wittenberg ohne Arbeit – viele inzwischen ohne Hoffnung. Dabei jagt seit geraumer Zeit eine Reform die nächste. Irgendetwas muss also falsch sein an den Rezepten und wohlklingenden Slogans. Denn auch der Vermittlungsgutschein, mit dem Arbeitslose einen privaten Job-Vermittler mit der Stellensuche beauftragen können, floppt in der Region. Von Jürgen Becker

Hereinspaziert ins Arbeitsamt der neuen Art. Der Arbeitslose heißt jetzt „Kunde“ , und bedienen soll er sich selbst. Bei der Jobsuche ist Eigeninitiative verlangt, sonst wird die Leistung gekürzt. Natürlich werden auch Stellen angeboten – falls die Arbeitsämter in der Region welche haben. Gibt es keine, wird qualifiziert. „Fördern und fordern“ , nennt Roland Neumann, Pressesprecher des Cottbuser Arbeitsamts das, was nach dem Streichkonzert der Bundesanstalt für Arbeit sich mehr und mehr auf das Fordern beschränkt. „Dazu gehört, dass der Arbeitslose die Pflicht hat, sich über die private Arbeitsvermittlung zu informieren“ , sagt Neumann.

Werbe-Zettel im Arbeitsamt
Gleich ein halbes Dutzend Reklame-Zettel, auf denen private Vermittler ihre Dienste anbieten, hängen an einer Stellwand im Cottbuser Arbeitsamt. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Cottbus verdienen mittlerweile schon 140 Vermittlungsagenturen allein im Kammerbezirk damit schwerpunktmäßig oder nebenbei ihr Geld.
Die Behörden schanzen der einst ungeliebten Konkurrenz in der Region immer mehr Kundschaft zu. Rund 8600 Vermittlungsgutscheine haben die Ämter in den Bezirken Cottbus, Bautzen und Wittenberg im ersten Halbjahr diesen Jahres schon unters Volk gebracht – das sind mehr als im gesamten Vorjahr. Doch bislang hat nur etwa jeder Neunte, der einen derartigen Scheck in den Händen hielt, über einen privaten Job-Vermittler auch eine Stelle gefunden (siehe Hintergrund).
Kerstin Roch ist eine davon. Seit Montag arbeitet sie als Sekretärin bei der Cottbuser Firma UBG. Ihren Vermittlungsgutschein löste sie beim „Job-Center-Lausitz“ ein. Gemeinsam mit ihr schälte dann der private Arbeitsvermittler ihr Qualifikations-Profil für künftige Arbeitgeber heraus. Drei Wochen später flatterte Kerstin Roch die erste Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ins Haus. Sie war von der Firma UBG.

„Zeit ist Geld für mich“
Deren Prokurist Jens Fichte hatte sich zuvor selbst mit Stellenanzeigen auf die Suche gemacht. 567 Bewerbungen hatte er erhalten. „Da waren für die Durchsicht zwei Tage weg, ohne dass allerdings ein geeigneter Kandidat für uns dabei war“ , sagt Fichte. „Zeit ist aber Geld für mich. Deshalb habe ich einen privaten Vermittler eingeschaltet, der die Vorauswahl trifft, sodass ich mir nur noch drei bis fünf Bewerber anschauen muss.“
Mit den Kandidaten, die ihm das Arbeitsamt vermittelte, war Fichte nämlich unzufrieden. „Ich glaube“ , erklärt er, „da wird geschickt, was gerade in der Datenbank ist. Das Anforderungsprofil entsprach zumindest nicht unseren Wünschen.“
Die Arbeit des privaten Arbeitsvermittlers lobt Fichte indes in den höchsten Tönen. „Schnell, diskret, bequemer geht es für mich nicht, zumal der die Fördermöglichkeiten gleich mit abgeklärt hat“ , sagt Prokurist Fichte.
Bis zu 2500 Euro kassieren die privaten Dienstleister für eine erfolgreiche Vermittlung. Nach eigenen Angaben hat Steffen Sickert, Chef des „Job-Center-Lausitz“ , 15 bis 20 Prozent der im gesamten Cottbuser Arbeitsamtsbezirk bislang 900 eingelösten Vermittlungsgutscheine auf seinem Konto verbucht. „Obwohl wir nicht mal im gesamten Bezirk, sondern nur in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis tätig sind“ , wie er erklärt.

„Wir sind wendiger“
Sickerts Erfolgsgeheimnis? „Wir sind kleiner und wendiger als das Arbeitsamt, fragen nach, wenn es nicht geklappt hat, versuchen dann einen zweiten Anlauf“ , erklärt er. „Und wir sehen uns hauptsächlich als Dienstleister für den Arbeitgeber. Erfüllen wir dessen Wünsche, haben wir auch einen Arbeitslosen untergebracht.“
Die Gesamtbilanz der privaten Vermittler fällt in der Region indes alles andere als rosig aus. 1960 Arbeitslosen aus den Bezirken Cottbus, Bautzen und Wittenberg konnten sie bislang eine Stelle verschaffen. Bei 145 000 Arbeitslosen und bislang seit April 2002 17 700 ausgegebenen Gutscheinen ist das mehr als bescheiden.
Einer der Gründe für den Flop: Das Gutscheingeschäft ist nicht besonders attraktiv für die Branche. Denn Jobsuchende können beliebig viele Vermittler mit der Suche nach einem Arbeitsplatz beauftragen. An nur ein Büro wird der Gutschein aber ausbezahlt. Die Vermittler, die bei der Jobsuche erfolglos waren, erhalten keinen einzigen Euro, auch wenn sie sich wochenlang intensiv um eine Stelle bemüht haben.

Mehr versprochen
„Wir hatten uns von den Vermittlungsgutscheinen auch mehr versprochen“ , sagt Olaf Möller, Pressesprecher des brandenburgischen Landesarbeitsamts. „Das zeigt, dass die privaten Vermittler dieselben Probleme wie wir haben“ , resümiert Kundenbereichsleiter Ralf Sauer vom Bautzener Arbeitsamt. „Da sieht man, dass die Privaten auch nur mit Wasser kochen, zumal wir im Monat 3000 bis 4000 Arbeitslose wieder in Arbeit bringen“ , schlussfolgert Roland Neumann vom Cottbuser Arbeitsamt, während Lutz Mania vom Arbeitsamt in Jessen urteilt: „Wo nichts ist, ist nichts zu holen. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wenigstens etwas.“

Vermittler fordern Änderungen
Steffen Sickert sieht die Ursachen für die schlechte Bilanz der Privaten nach fast anderthalb Jahren Vermittlungsgutschein wie seine Kollegen im System. „Natürlich können wir nicht zaubern und neue Arbeitsplätze schaffen“ , sagt er. Zugleich beklagt er aber, dass „es in den Arbeitsämtern nach wie vor Sachbearbeiter gibt, mit denen man nicht ideologiefrei zusammenarbeiten kann“ . Er moniert, dass er selbst die Arbeitgeber und Arbeitslosen für seine Dienstleistung gewinnen muss. „Ich kann nicht auf das Arbeitsamt zugehen und sagen: Ich habe eine Stelle, suche du mir mal drei Bewerber raus.“ Und er fordert eine offensivere Ausgabe der Vermittlungsgutscheine, „zum Beispiel automatisch per Post an den betreffenden Personenkreis“ .
Monika Balt vom brandenburgischen Arbeitslosenverband verspricht sich indes auch von derartigen Nachbesserungen nicht viel. „Das Problem, dass es zu wenig Arbeitsplätze in der Region gibt, wird dadurch nicht gelöst“ , sagt sie. Denn: „Auf eine freie Stelle kommen bei uns 25 Arbeitslose. Da können Sie zwar 25 Gutscheine ausgeben, aber das bringt im Endeffekt auch nichts.“

Hintergrund Zahlen und Fakten
 Einen Anspruch auf einen Vermittlungsgutschein hat jeder, der mindestens drei Monate lang arbeitslos gemeldet ist, Arbeitslosengeld oder -hilfe bezieht oder in einer ABM oder SAM beschäftigt ist. Bei einer Krankschreibung oder Fortbildungen während dieser drei Monate beginnt die Wartezeit von vorne.
Die Vermittlungsgutscheine haben einen Wert von 1500 Euro nach einer Arbeitslosigkeit von bis zu sechs Monaten. 2000 Euro sind es nach sechs bis neun Monaten und 2500 Euro nach mehr als neun Monaten.
Der Schein ist drei Monate lang gültig . Er wird nur an den privaten Vermittler ausgezahlt, wenn er in dieser Frist erfolgreich war.
Im Cottbuser Arbeitsamtsbezirk sind im Jahr 2002 etwa 4000 Vermittlungsgutscheine ausgegeben worden. Weniger als 400 Arbeitslose fanden über diesen Weg eine Stelle. Im ersten Halbjahr diesen Jahres verteilten die Behörde 5500 Gutscheine. 500 sind eingelöst worden.
Im Arbeitsamtsbezirk Bautzen kamen von den im vergangenen Jahr ausgegebenen 3132 Gutscheinen 374 zur Auszahlung. Im ersten Halbjahr 2003 waren es von 3844 Gutscheinen 528.
Im Arbeitsamtsbezirk Wittenberg händigten die Behörden 2002 478 Gutscheine aus, von denen 64 eingelöst worden sind. In diesem Jahr waren es bis Ende Juni 773 Scheine, von denen 93 zu einer Stelle über einen privaten Arbeitsvermittler führten.